Ein altes Herrenrad

Letzten Samstag war ich etwas wirr. Eine grausliche Migräne war über die Nacht meinen Hinterkopf hochgekrochen, um es sich dort dann ordentlich gemütlich zu machen. Ein schnell um sich greifender Darmvirus hatte die Hälfte der eifrigen Sternsingerschar schachmatt gesetzt, darunter auch zwei meiner Kinder. Ich reichte Wärmflaschen, Tee und Toilettenpapier. Der Gatte grippte ein wenig vor sich hin. Draußen schüttete es aus Kübeln und es blieb durchgehend dunkel. Einer jener Tage eben, still und verhalten, geschaffen für Sofa, Bilderbücher und Salzbrezzelchen.

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Am Abend war die Dunkelheit tiefschwarz geworden, es regnete immer noch Bindfäden und ich machte mich zähneknirschend auf den Weg zur Kirche, wo ich meinte, für einen Dienst eingeteilt zu sein. Nun musst du wissen, dass unsere Kirche oben an einem kleinen Berg liegt und nur ein schmales, gewundenes Sträßchen hinaufführt. Eigentlich meide ich dieses Sträßchen aus Furcht vor Gegenverkehr so gut ich kann. Lieber unten parken und ohne Zusammenstöße nach oben laufen. Ich halte mich eigentlich für eine gute Autofahrerin, aber ich bin eine sehr mäßige Sharanfahrerin. Das Auto ist groß und hat nur sehr kleine Spiegel. Außerdem bin ich stark kurzsichtig und sehe in der Dunkelheit äußerst schlecht, bei Regen noch weniger.

Hach, aber eben dieser Regen, die Dunkelheit und der Kopfschmerz! Wer würde an einem Samstagabend schon in der Kirche sein? Die Woche zuvor waren das kaum fünfzehn Leute gewesen. Kurz entschlossen lenkte ich die Familienkutsche den Berg hinauf und- landete umgehend in der Vorhölle. Hinter mir krochen drei weitere Autos den Berg hoch, schon vor der Einfahrt des eigentlichen Parkplatzes war alles zugeparkt, keine Chance zu wenden. Es gab nur den Weg nach vorne, auf den schon komplett überfüllten Parkplatz. Mitten darauf musste ich stehenbleiben, kein vor und kein zurück, ich parkte damit meinerseits wieder diverse Autos zu. Als ich ausstieg um die Lage zu betrachten, hatten weitere Autos die Ein und damit Ausfahrt endgültig zugestellt. Diesen Parkplatz würde man erst wieder verlassen können, wenn mindestens zehn Autos wegführen und auch dann nur im Rückwärtsgang, durch die schmalste aller schmalen Einfahrten. Habe ich schon erwähnt, dass ich bei Dunkelheit und Regen sehr schlecht sehe und das auch nur vorwärts? Oh bitte, ich wollte dem armen Auto nicht noch eine Beule zufügen!

Ich meldete mich zum vermeintlichen Dienst und erfuhr, dass dieser heute gestrichen sei. Liebe Güte, in meinem Herzen war Vieles, wenig davon friedfertig, aber definitiv kein  Impuls mehr einen Gottesdienst zu besuchen. Wieder zurück auf dem Parkplatz betrachtete ich die ausweglose Situation, in die ich mich völlig umsonst hineinmanövriert hatte. Und wusste: es gab nur eine Lösung.

Ich rief den Gatten an und sagte: „Komm!“  Und er antwortete: „Ich komme!“ Zehn Minuten später quietschte er den Berg hinauf, durch den pladdernden Regen, hatte Feuerwehrmann Sam und die älteren Geschwister als Zwillingsbabysitter rekrutiert, und nicht eine Sekunde gezögert, sondern war im Affentempo herbeigeradelt, auf seinem uralten, wirklich klapperigen Herrenrad. Er besah sich seine Frau, den Parkplatz und unser armes, eingekeiltes Auto. Keine Fragen, kein Vorwurf, kein „hättest du doch…“. Er packte das alte Fahrrad in unseren Kofferraum und meinte, dass er dann jetzt wohl in die Kirche ginge. Der beste Gatte von allen besuchte die Messe und ich feierte Gottesdienst auf meinem Marsch durch den strömenden Regen nach Hause, heim zu meinen Kindern (Feuerwehrmann Sam ist ein guter Babysitter und ältere Geschwister auch, aber man darf sie nicht überstrapazieren). Es war ein Dankgottesdienst in der Dunkelheit, gefeiert aus und in tiefster Seele. Ich dankte für die Ehe und diese Ehe im Besonderen. Für meinen Mann, dafür dass er immer da ist, dass er kommt, wenn ich rufe, ohne zu fragen, ohne zu klagen, zur Not durch den Regen, auf einem alten, klapprigen Herrenrad, Erkältung hin oder her. Das ist für mich die Essenz von Ehe und Familie, das Kostbarste, was es gibt auf der Welt, mehr brauche ich nicht, darauf kommt es an, reicher kannst du nicht werden.

 

Als der Gatte später nach Hause kam, da bedankte ich mich natürlich auch bei ihm. Er winkte ab und meinte nur, ich könne mich ja vielleicht erinnern, wenn er so etwas wie Blumen mal wieder vergessen würde. Keine Sorge, wer braucht Blumen und Schmuck, wenn er einen Mann auf einem alten Herrenfahrrad haben kann?

Lasst sie uns hüten, unsere Familien und Ehen, füreinander Sorge tragen und füreinander da sein, egal, wie dunkel es wird, egal, wie sehr der Regen pladdert, egal, wie verfahren die Situation erscheint. Dann wird ein Stückchen Himmel auf Erden sichtbar.

 

 

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In diesen Tagen…

 

bestaune ich das neue Jahr, immer noch. Ich hoffe doch wirklich, du hast es gut angefangen? Der neue Kalender liegt vor mir und mit ihm so viele unbeschriebene Seiten. Und wie in  jedem Jahr erfüllt mich das mit einem sehr erhebenden Gefühl, ähnlich wie früher, wenn ein neues Schulheft angefangen wurde. Blütenweiße Seiten, ohne Knicke und Eselsohren, ohne Flecken und ohne abgeranzte Ecken. Für den Moment schien alles möglich. Die Seiten ohne Fehler mit ausschließlich klugen Gedanken füllen. In schönster Schrift, um der Makellosigkeit der Seiten Rechnung zu tragen. Datum nicht vergessen und ordentlich unterstreichen. Tja, und dann fing ich an das Heft zu benutzen und hatte nur meine krakelige Handschrift, in der Eile vergaß ich das Datum, Flecken gesellten sich dazu und die Ecken knickten. Der Rotstift korrigierte die Fehler, an denen es nicht mangelte, einige Gedanken waren klug, andere der totale Dünnsinn. Irgendwann war das Heft voll und damit ein altes. Es wurde ausgemustert, immerhin hatte ich was gelernt und mit neuer Zuversicht begann ich ein neues Heft. Mit dem neuen Jahr verhält es sich ähnlich. Ein erhebendes Gefühl, noch keine nennenswerten Fehler gemacht, für den Moment scheint alles möglich und an gutem Willen mangelt es mir nicht. Aber natürlich bin ich alt genug, um zu wissen: es wird Knicke und Eselsohren bekommen und, so sehr ich mich mühe, ist es doch immer meine Handschrift, die die Seiten füllen wird und die sieht nicht aus, wie gedruckt. Trotzdem hoffe ich auf den ein oder anderen klugen Gedanken, auf viele spannende Geschichten und ein paar bunte Zeichnungen. Es wird sicherlich kein Matheheft, gefüllt mit endlosen, ordentlichen Zahlenkolonnen. Das liegt mir nicht so. In 360 Tagen werde ich mein Jahresheft dann ins Regal meines Herzens räumen, hoffentlich vollgeschrieben bis in die aller letzte Zeile, mit Kreuzchen und Querverweisen, hoffentlich auch ein bisschen klüger. Eigentlich bin ich ganz zuversichtlich. Ich habe einen guten Schutzumschlag.

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freue ich mich, über die blühenden Zweige unseres Barbarastraußes. Pünktlich zum ersten Januar findest du in jedem Discounter ein ganzes Meer an Gewächshaustulpen. Das geht mir ja schon wieder viel zu schnell, standen da nicht gerade noch Spekulatius neben Dominosteinen? Es ist immerhin Winter, theoretisch zumindest. Aber die Blüten unserer Kirschzweige verheißen das Leben in der kargen Dunkelheit, die Weihnachtsbotschaft in der Blumenvase. Natürlich blühten sie nicht zur Weihnachtsnacht. Das tun sie eigentlich nie. Aber rund um Silvester, da hatten sie es plötzlich eilig. Macht nichts. Ich blühe auch nie in der Weihnachtsnacht, da bin ich noch viel zu gestresst. Aber rund um Silvester, da fang ich damit an.

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sehe ich gemeinsam mit dem Gatten „this is us“. Und kann aus tiefster Seele sagen, dass mich wirklich noch nie eine schnöde Fernsehserie so sehr berührt hat, wie diese, bis ins Mark hinein trifft sie mich. Da sitze ich dann und weine ein bisschen, aber nicht aus Traurigkeit oder Rührseligkeit, sondern einfach, weil das Leben genau so ist, wunderschön und grausam, irrwitzig und toternst. Und weil diese Serie ein hohes Lied auf die Familie ist, die das Beste will und Schmerz doch nicht verhindern kann. Erstaunlicherweise geht es dem Gatten genauso. Es kommt ja jetzt nicht so oft vor, dass Serien paarkompatibel sind.

lese ich neue Kinderbücher, die ja meine geheime Leidenschaft sind und an denen ich mindestens eben so viel Freude habe, wie die Kinder, für die sie eigentlich gedacht sind. Topfavoriten nach Weihnachten sind  „Ben“ und „Borst vom Forst“. Ersteres ist für Kinder ab sechs und mein Zweitklässler war aufrichtig erschüttert, dass auch so ein Buch einfach zu Ende gehen kann. Letzteres bezaubert durch ein ganz wunderbare Sprache und einer Weisheit, die die Welt dringend braucht.image

genießen wir die Ferienzeit, wie es sich gehört. Spiele spielen und einfach nur im Sessel sitzen, den schönsten Tannenbaum, den wir je hatten, bewundern, ein bisschen stricken und alte Freunde treffen, durch den Wind spazieren und endlich wieder Brotbacken. Spielwelten bestaunen, in einem Zimmer findest du den Boden nicht mehr, da ist nur noch Lego. In einem anderen betrittst du die Savanne Afrikas, Wildtiere versammeln sich um die Wasserstelle, soweit das Auge reicht. Oder ist dir lieber nach dem Leben auf einer höchst aktiven Feuerwache? Keiner wird gezwungen am Abend wieder aufzuräumen, für den Moment darf einfach alles bleiben, wie es ist. Herrlich, selbst in meinem rotierenden Hirn ist die Botschaft mittlerweile angekommen. Ein paar Tage haben wir noch, bevor das Jahr an Fahrt aufnehmen wird, hoffentlich nicht gleich so schnell, dass es einem schwindelig würde. Im Augenblick fällt mir das Schönschreiben auf neuen Seiten noch leicht, so ruhig und entspannt.

 

Oh, aber ich freue mich darauf, die blütenweißen Seiten dieses niegelnagelneuen Jahres vollzuschreiben, so gut ich es eben vermag, mit meiner eigenen Handschrift, mit meinen Fehlern und klugen Gedanken und bestimmt auch dem ein oder anderen Dünnsinn. Ich hoffe, du freust dich auch.

Von guten Mächten

Jeden Abend, wenn der Tag sich seinem Ende zuneigt und es still werden will (oder soll…) im Hause 7geisslein, wenn für den Moment genug getan und gesagt, gespielt und erlebt wurde, dann singen der Gatte und ich unsere Kinder in den Schlaf, seit elf Jahren schon. Wir tun es nicht immer zusammen, aber doch immer nach dem selben eingespielten Rhythmus, der unverkennbar die Nacht einläutet. Wenn der Gatte singt, dann endet er immer mit „Der Mond ist aufgegangen„. Mir liegt dieses Abendlied nicht so, irgendwie wirkt es immer ein wenig düster auf mich, obwohl unsere Kinder es sehr lieben. Wenn ich singe, dann ende ich mit „Weißt du wie viel Sternlein stehen…?“. Und vergesse natürlich nicht, bei „kennt auch dich und hat dich lieb“ ordentlich in die kleinen Kinderbäuche zu piksen, damit sie es auch ja begreifen, wie sehr sie lieb gehabt werden. Wir enden also etwas unterschiedlich, nach persönlicher Vorliebe, aber wir beginnen stets gleich, seit elf Jahren. „Nun wollen wir singen das Abendlied und bitten das Gott uns behüt…“ und danach, als Herz und Mittelstück, „Von guten Mächten„.

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag„. Unzählige Male haben wir diese Zeilen schon gesungen, immer und immer wieder, ein bisschen abgegriffen und speckig sind sie geworden, aber, ganz ehrlich: etwas anderes braucht es für mich nicht. Sie enthalten alles, was ich meinen Kindern am Ende eines langen Tages mitgeben möchte, in einen hoffentlich friedlichen Schlaf. Ich hoffe, dass diese immer gleichen Zeilen, die mir selbst beim Singen immer wieder Trost und Hoffnung schenken, auf fruchtbare Erde fallen mögen, dass sie sie verinnerlichen und von ihnen zehren, auch wenn es das Leben mal nicht so gut mit ihnen meint.

Jetzt will dieses Jahr sich dem Ende zuneigen. Für einen kurzen Moment, und auch nur wenn du dich darauf einlässt, also für einen kurzen Moment,scheint die Zeit still zu stehen. Das alte Jahr liegt hinter dir, das neue noch völlig unberührt vor dir. Du weißt nicht, was es dir bringen mag. Und vielleicht liegt dir manches aus den alten Tagen noch schwer im Magen.Vielleicht dauert dieser Moment nur wenige Minuten. Für diesen einen Moment, ist genug getan und gesagt, erlebt und gespielt worden. In katholischen Kirchen, zumindest in denen, die ich kenne, erklingen im Jahresabschlussgottesdienst dann genau diese Liedzeilen: Von guten Mächten… Unfassbarer Weise wurde vor ein paar Jahren die Melodie geändert, was ungefähr so wahnsinnig ist, als wolle man plötzlich „Stille Nacht“ neu vertonen, nur weil es irgendwie altmodisch geworden ist. In meinem Herzen singe ich die alte Melodie. Und jedes Jahr denke ich aufs Neue: mehr wird dieses neue Jahr nicht brauchen, als das, was dieser Text an Gottvertrauen, Hoffnung, Zuversicht und Dankbarkeit enthält. Dietrich Bonhoeffer hat diese Zeilen 1944 aus der Gefangenschaft an seine junge Verlobte geschrieben, wohl wissend oder ahnend, dass sein Leben nun ein Ende bereitet werden würde. Ich will sie verinnerlichen, diese Zeilen und von ihnen zehren, wenn das neue Jahr es mal nicht so gut mit uns meint. Mit dem Vertrauen und der Zuversicht hab ich es nicht so, aber ich werde es versuchen, auch im neuen Jahr. Dankbarkeit möchte ich weiter pflegen, denn ich habe allen Grund dafür.

Dir wünsche ich ein gutes neues Jahr, friedvoll und gesund möge es sein, voller Hoffnung, Zuversicht und Dankbarkeit. Und weil das Altvertraute manchmal neu angeschaut werden möchte, gebe ich sie dir mit, diese wunderbaren Zeilen. Bis nächstes Jahr!

Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar so will ich dieser Tage mit euch leben, und mit euch gehen in ein neues Jahr. Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsren aufgeschreckten Seelen, das Heil, für das du uns bereitet hast. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern, aus deiner guten und geliebten Hand. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken, an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken und dann gehört dir unser Leben ganz. Lass warm und still die Kerzen heute flammen, die du in unsere Dunkelheit gebracht. Führ wenn es sein kann wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang, der Welt , die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang. Von guten Mächten wunderbar geboren, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen. Und ganz gewiss an jedem neuen Tag. (Dietrich Bonhoeffer)

 

Gloooooria…

… so tönte es heute früh um 6.30Uhr aus unserem Badezimmer. Nein, keine Sorge, das ist nicht normal bei uns. Normal wäre Grunzen, leichtes Schimpfen oder einfach nur müdes Schweigen. Heute ist nicht normal und das kann nur eines bedeuten: endlich letzter Schultag, endlich gibt es Weihnachtsferien! Muss ich sonst immer mehrmals motzen, bis die Schultaschen endlich aus dem Hausflur entfernt werden, heute Mittag waren sie so schnell verschwunden, da konnte ich mir nur noch verwundert die Augen reiben. Mit einem Seufzer der Erleichterung ab in die hinterste Ecke, jetzt kann es endlich Weihnachten werden! Die Zeichen mehren sich, eindeutig. Während ich mich hier dem Luxus des Schreibens hingebe, rührt der Gatte in der Küche das Weihnachtseis. Karamell,  Zimt-Schokolade und Spekulatiuseis. Dafür bin ich aber auch tapfere Überlebende mehrerer großangelegter Supermarktexpeditionen, die in mir jeden Impuls einkaufen zu wollen für die nächsten drei Wochen ausgelöscht haben. Zwei meiner Nachkommen sind zur letzten Weihnachtsfeier des Jahres verschwunden, die DHL -Frau und ich pflegen eine neu erblühende Freundschaft. Die Kellertüre ist zugesperrt, aber meine Zwillinge haben das Christkind dahinter flattern gehört, da sind sie absolut sicher. Hinter verschlossenen Kinderzimmertüren wird gekruschelt und gebastelt, ständig fehlt das Tesafilm und es duftet nach gebrannten Mandeln. Ja, es will Weihnachten werden, ganz ohne Zweifel.

Vor ein paar Tagen werkelte ich in meiner Küche so vor mich hin und hörte dem Geplapper meiner versammelten Kinderschar zu. Sie unterhielten sich über Weihnachten und was sie daran gerne mögen. Jeder wusste etwas beizusteuern und mir klingelten die Ohren. Vom verschlossenen Weihnachtszimmer am Morgen des 24. Dezembers war da zu hören, vom Austragen der letzten Weihnachtskarten und dem Frühstück im Kinderzimmer, denn der Rest ist ja verschlossen. Vom Feinmachen und der Fahrt in die Stadt, damit wir alle zusammen eine Christmette mit Krippenspiel besuchen können. Vom Heimkommen und Weihnachtsliedersingen, jedes Jahr richtet ein anderes Kind sein Zimmer dafür her, vom aufs Glöckchenklingeln warten und dem großen Augenblick, wenn die verschlossenen Türen aufgehen, von all den Kerzen und dem Weihnachtsbaum, der plötzlich geschmückt ist und strahlt. Geschenke na klar, aber immer abwechselnd und dann ein bisschen Essen, nur kalte Köstlichkeiten, wieder ein bisschen Spielen und Tanzen, so lange, bis man freiwillig ins Bett fällt.

Wie sie so miteinander erzählten, da konnte man ernsthaft den Eindruck gewinnen, dass im Hause 7Geisslein das weihnachtliche Idyll zuhause ist. Unfassbar, wie schön, froh und gemütlich es bei uns zugeht. Bullerbü in Rheinhessen. Und jetzt verrate ich dir was: das stimmt nicht. Also, ein Großteil natürlich schon und auch ich liebe Weihnachten mit meiner Familie sehr, aber: es wird gern mal hektisch am 24. Dezember, der Gatte und ich sind ein wenig blass um die Nase, denn wir haben meist bis spät am Abend Engelchen gespielt, den Baum geschmückt und den Tisch festlich gedeckt, heimlich, heimlich und sehr leise. Nie finden wir einen Parkplatz, wann beginnt den überhaupt dieser verflixte Gottesdienst, alle sind sehr aufgeregt. Wir sind auch an Weihnachten wir, gerne mal laut, ungeduldig, keine Heiligen und wie vielen  Magen Darm Geschichten wir an diesen Tagen schon trotzten kann ich gar nicht mehr zählen. Ich erinnere mich an den Ohrring, der im Durcheinander verschwand, bevor er nur einmal getragen werden konnte, an eine Ritterburg, die eindeutig die falsche war und die Tränen, die deshalb kullerten.

Aber: es ist doch sehr beruhigend, dass all diese kleinen Widrigkeiten an diesen Tagen nicht zählen. Was bleibt, sind „O du fröhliche“, der Geruch von Kerzen, die uralten Worte, die Heil versprechen und das Lied der Spieluhr. Der Rest verschwindet in der Versenkung des gnädigen Vergessens. Den Anspruch auf absolute Harmonie und konfliktfreie Heiterkeit kannst du also getrost in die Schublade packen, den braucht es nicht. Dieser Gedanke erleichtert das mütterliche Herz doch sehr. Und noch etwas will ich meinem Herzen wieder schenken: die kindliche Gabe, das Gute, das Wesentliche mitzunehmen und den Rest zurückzulassen. Was blöd war, war blöd. Halte dich nicht länger damit auf, denn sonst musst du so schwer tragen, liebes Herz und hast gar keinen Raum für das Neue, was kommen mag. Was zählt ist das Kind, nicht der Stall, die Krippe, das Stroh. Es ist das einzige, was wirklich zählt.

Es will Weihnachten werden, die Zeichen mehren sich, ganz eindeutig. Das Spekulatiuseis schmeckt köstlich, ich habe es eben probiert. Heilig Abend an einem Sonntag ist an sich schon ein Geschenk, kein Gerenne und Eingekaufe auf den letzten Drücker mehr, dafür mehr Zeit, für das was wirklich zählt.

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Ich wünsche euch allen frohe, gesegnete Weihnachtstage, eine Umarmung zur rechten Zeit, ein gutes Wort, ein Quentchen mehr Geduld und ordentlich gefüllte Teller…

Erkenntnisse am späten Dienstagabend

Na endlich, endlich sitze ich im Sessel und endlich ist Ruhe in unser quirliges Zuhause eingekehrt. Fast alle schlafen in ihren Betten, nur auf dem Sofa schläft ein kleiner Unruhegeist, dem das Einschlafen alleine einfach nicht gelingen wollte. Der Gatte sitzt in irgendeiner Sitzung aushäusig, ich habe die letzten Matheübungsschmierblätter in den Müll geworfen, Krümel zusammengefegt und einen etwas halbherzigen Versuch unternommen, die häusliche Ordnung wiederherzustellen. Nun reichts. Ich bin müde und was jetzt noch rumliegt, wird mit relativer Sicherheit morgen immer noch daliegen. Ich würde dich ja gerne hereinbitten, ins still gewordenen Zimmer und dich einladen, Platz zu nehmen, auf dem neuen, geräumigen Sofa. Wir könnten natürlich nur leise flüstern, denn da schläft ja ein kleiner Zwerg, versteckt zwischen den Kissen. Aber ich könnte dir eine Tasse Tee anbieten, Apfel- Karamell vielleicht oder marokkanische Minze, die mag der Gatte so gerne, und natürlich brennen auch ein paar Kerzen. Für dich würde ich sogar einige der gut gehüteten Plätzchen hervorkramen.  Und dann könntest du mir erzählen, von deinem Advent, wie es dir zur Zeit so ergeht und was dich umtreibt, welche Bücher du liest und ob dir etwas Sorgen macht. Ich würde natürlich meinen Senf dazugeben, denn ich plaudere so gerne, eine echte Quasselstrippe von Zeit zu Zeit. Nun, leider geht das ja nicht und so sitzt du hoffentlich in deinem eigenen Wohnzimmer und hast es ruhig und nett und ich teile meine Erkenntnisse einfach hier, in diesem Eckchen mit, der Tee steht bereit.image

  • Hast du es gemerkt? Irgendjemand hat einfach eine Woche Advent geklaut, was will er nur damit anfangen?! Aber hier fehlt sie an allen Ecken und Kanten, drei Wochen sind zu wenig, ganz eindeutig. Wo sollen wir das ganze Backen, Singen, Basteln, Geschenke aussuchen und verpacken, die frommen Gedanken und das liebevolle Miteinander, das Vorlesen in aller Gemütlichkeit und all diese Weihnachtsfeiern neben dem normalen Alltagswahnsinn denn noch hinquetschen? Ganz atemlos macht es mich von Zeit zu Zeit, und ständig kritzele ich etwas auf die immer länger werdende Liste. Es fühlt sich nach einem Wettlauf an, den ich nur verlieren kann, schon allein deshalb, weil ich in Wettläufen aller Art schon immer die Schlechteste war. Der Gatte meint, es würde reichen, wenn ich ins Ziel spaziere, was nicht geht, geht eben nicht und natürlich hat er Recht. Und alle anderen, die zum entschleunigten Advent aufrufen, haben ebenfalls Recht. Nur- essen, Geschenke auspacken und es nett haben, wollen halt trotzdem alle. Ich versuche es jetzt mal mit Traben. Nicht sprinten und nicht gehen- so ein Zwischending. Nicht alles, was möglich ist, ist auch nötig, die Plätzchendosen sind gefüllt, aber nicht überfüllt und die Weihnachtskarten sind auch in diesem Jahr nicht selbstgebastelt.
  • Liebe, liebe Lehrer- warum nur? Warum nur immer in den letzten zwei Wochen vor Weihnachten? Könntet ihr uns zur Abwechslung nicht irgendeine regentrübe Woche im Januar vergällen? In diesen Tagen werden so viele Arbeiten geschrieben, dass einem der Kopf nur so schwirrt und an Stelle von Gedichten und Liedern ertönen hier Vokabeln, mathematische Rechenwege und alle Feste im Kirchenjahr. Dummerweise musste ich feststellen, dass es um meine Bruchrechenkünste deutlich schlechter bestellt ist, als ich bis jetzt immer angenommen habe. Also lerne ich von vorne und nein, sie bringt mir keine Freude, diese Form des geistigen Wachsens. Ich finde, man sollte in den letzten zwei Wochen überhaupt nur noch praktisch arbeiten. Wald und Wiesen zu Fuß erkunden, Gedichte lernen, denn die machen das Herz satt, werken mit Holz, backen und zwar ohne Mütter, etwas Gutes tun und sich nützlich machen. Hmmjaja, das wäre nett und alle Beteiligten wären weniger gereizt.
  • Gerade jetzt merke ich wieder in aller Heftigkeit, dass wertvollste, was ich geben kann, ist Zeit. Ein Zettelchen nur im Adventskalender: „heute Filmabend mit Mama“, hat zwei Menschen glücklich gemacht. Mein Mädchen und mich selber. Wir beide nur, eine altmodische Schnulze („E-Mail für dich“, also ehrlich, wie wunderbar!), ein paar Kissen auf dem Sofa und eine Decke. Noch nicht ganz zwei Stunden und ein Mädchenherz ging zufrieden zu Bett. Und mein Mamaherz auch, ja doch wirklich. Verschenke Zeit, an deine Liebsten und deine Lieben, es kostet nicht viel und macht doch so unendlich reich (pssst, am Sonntag gibt es Waffeln für alle, aber verrate mich nicht!)
  • Wenn deine Flurwand mit Feuerwehrmann Sam Stempeln vollgestempelt ist, die du nicht mehr abwaschen kannst, dann musst du streichen. Ich wollte schon immer eine rauchblaue Wand. Hin und wieder ist es sinnvoll, einen Fehler einfach zu übertünchen und aus einem Ärgernis etwas Hübsches zu machen. Klappt nicht immer, aber häufig eben doch. Nicht nur bei Feuerwehrmann Sam Stempeln.image
  • Wir haben die“ Herdmanns“ fertig gelesen und wie immer musste ich auf den letzten Seiten heulen, auch, weil ich diese Geschichte so wunderbar tröstlich finde. Eugenia Herdmann, die eine beherzte Löwenmutter Maria spielt, die Hl drei Könige, die einen Schinken zur Krippe bringen und der Weihnachtsengel, der nicht fromm säuselt sondern seine frohe Botschaft laut in die Welt hinaus brüllt. Da ist nichts adrett und auf Hochglanz poliert. Er ist wirklich Mensch geworden und es darf menscheln, alles andere wäre doch verrückt. Damals, wie heute. Auch wenn der Advent nur drei Wochen hat, auch wenn wir zwischendurch mal kurz die Nerven,  den Überblick und die Fähigkeit Brüche auszurechnen, verlieren.

So, nun ist es richtig spät geworden, der Tee ist ausgetrunken und ich muss wirklich ins Bett. Oh, halt, den kleinen Zwerg vorher noch ordentlich ins warme Bettchen verstauen. Schade, nun warst du nicht hier! Wenn du magst, dann kannst du mir trotzdem erzählen, von deinem Advent und was dich so umtreibt. Schlaf gut, und sei gesegnet!

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Altes und Neues

„Ach, weißt du Mama, es ist eben wie mit einem Paar alten, ausgelatschten Schuhen. Die trage ich auch am liebsten, weil sie so schön bequem sind!“ Die Erkenntnis kam aus einem bezaubernden Mädchenmund der mitten in einem mich aufmunternd anschauenden Mädchengesicht sitzt. Der Haken an dieser an sich vernünftigen Erkenntnis: ich bin mit dem alten, ausgelatschten Paar Schuhen gemeint. Bei einem dieser Tischgespräche, die einfach nicht aufhören wollen, ein ewig sprudelnder Quell der Erbauung und der Belebung des Geistes zu sein. Offensichtlich habe ich den Hang zu einer allzu bildreichen Sprache direkt an meine Nachkommen weitervererbt. Eigentlich ging es ums Heiraten. Eigentlich war ich gerade dabei, die Tränen eines kleinen Jungen trocknen, der schon beim Gedanken daran, er solle irgendwann in einem anderen Leben Elternhaus und Mama verlassen, um irgendwo zu wohnen, seinen Seelenschmerz nicht mehr zügeln konnte. Nun ja, man kann sich seine Komplimente nicht immer aussuchen. Es gehört in dieselbe Kategorie, wie : “ Mama, du bist wirklich  wie eine Matratze, überall weich und kuschelig.“ Hmm.  Ich hob es auf, das Kompliment, und steckte es in die Tasche, um mir an einem kalten Wintermorgen die Seele daran zu wärmen.

Es ist ja nichts Schlechtes, am Alten, Vertrauten, ganz im Gegenteil. In diesen Tagen, die ja bekanntermaßen nicht eben durch ihre Eintönigkeit und Entspanntheit bestechen, gelingt es den alten, vertrauten Bekannten, Ruhe ins Gewusel zu bringen. Kleine Rastplätze und Ankerpunkte sind sie, sie machen den Advent zur Erwartungszeit. Wie auf einer Reise, deren Ziel man schon kennt, aber das man lange nicht gesehen hat. Mit jedem vertrauten Baum, jedem bekannten Wegmarker, jedem Hinweis am Straßenrand, steigt die Vorfreude und du fühlst das ersehnte Ziel näher kommen. Trotzdem war ich vorsichtig, in diesem Jahr. Nur weil es mir so geht, nur weil ich das so empfinde…Kinder werden größer, Bedürfnisse ändern sich, ist es noch altersgemäß und gewünscht, das Singen und Vorlesen, Adventskalender und Weihnachtstheater? Ich hörte von mehreren Müttern, dass…und bange dachte ich, vielleicht… nur mit meinen Kleinen…aber, weit gefehlt! Ich hatte mich geirrt. Was sich gehört, dass gehört sich nun mal. Wo kämen wir da hin? Der Gatte und ich müssen und dürfen nicht allein auf Reisen gehen, alle sind mit an Bord. „Ich werde meinen Adventskalender immer schön finden, auch wenn ich später mal elf Jahre bin. Sogar noch, wenn ich schon zwölf bin. Und noch älter!“

Und so hängen an unseren Wänden dieselben alten Adventskalender, wie in jedem Jahr, das Papier wird an manchen Stellen schon dünn, und der ein oder andere Riss ist sichtbar. Sie sind gefüllt mit Winzigkeiten, die eben geradeso in ein Streichholzschächtelchen passen. Die kostbarsten unter ihnen enthalten Zettel und nicht Schokolade. Kleine Botschaften, die gemeinsame Zeit verheißen und die bejubelt werden.

Die lieben alten, teilweise schon ganz zerlesenen Bücher werden hervorgeholt und sie nehmen uns mit auf die Reise hin nach Weihnachten. Gestern am Abend durfte ich anfangen „Hilfe, die Herdmanns kommen“ vorzulesen und es war so lustig, dass man vor Lachen vom Sofa kullern musste, auch wenn man die Geschichte doch wahrlich nicht zu ersten Mal hört, auch wenn man doch eigentlich schon ziemlich groß ist. Und Gedichte…es gibt so herrliche Advents und Weihnachtsgedichte und jeder hat so seine Präferenzen, aber am liebsten mögen alle „Weihnachten in der Schule“ und jenes, bei dem die himmlischen Heerschaaren mit den Ohren wackeln- wir können sie auswendig mitsprechen, aber gerade das macht es ja so schön. Und „Klopft es bei Wanja in der Nacht…“ dann kann ich das Ziel fast schon sehen…

Natürlich wird auch ordentlich gesungen, ein Potpourri aus   “ In der Weihnachtsbäckerei“ und „Tochter Zion“ gemischt mit „Alle Jahre wieder“, die Stimmlage ist nicht immer passend, aber es kommt von Herzen. Auch die Deko stimmt mittlerweile und es erstaunt mich doch immer wieder, dass selbst ausgeprägteste Bastelmuffel sich zum ein oder anderen Sternlein hinreißen lassen. Und wenn du jetzt schon vier Jahre alt bist, dann geht dir die Dekoriererei vielleicht nicht weit genug oder du bist besorgt, dass es in deinem Zimmer nicht weihnachtlich genug ist. Dann bist du ja jetzt Gott sei Dank schon alt genug, um dir selber zu helfen und du beklebst die Scheiben mit ausgeschnittenen Sternen, dass es nur so eine Freude ist. Am Besten nimmst du echten Klebstoff dazu, nur um sicher zu gehen, dass es auch hält. Die Flurwände könntest du vielleicht mit „Feuerwehrmann Sam“ Stempel aufhübschen- dann haben alle was davon.

Ich hörte letztlich  in einer Predigt den Satz, dass man häufig einen besinnlichen Advent gewünscht bekäme und man dies ja auch im Sinne von „wieder zu Bewusstsein, zur Besinnung kommen“ verstehen könne. Warum machen wir das alles und für wen? Es sind unsere alten, vertrauten Familientraditionen und rituale, die mir dieses zur Besinnungkommen ermöglichen, bei denen ich spüre, worauf es ankommt, wenn er kommt. Dabei geht es nicht unbedingt leise oder besonders andächtig zu, aber sehr lebendig, das wohl schon.

Und weil es bei aller Liebe zum Alten trotzdem ja auch Neues sein darf, probieren wir fleissig aus. Häuschen bauen aus Natronteig zum Beispiel (doch, doch, das geht), Spekulatiusrührkuchen (bäh, geht gar nicht!), die Weihnachtsbücher wohnen in einer Weihnachtsbücherkiste (ein herzliches Dankeschön der lieben Blogschreiberin, die diesen wunderbaren Rat hatte!), und die Barbarazweige verdanken wir unserem großen Jungen, der sich im Dunklen und mit Fuchsschwanz bewaffnet noch in den Kirschbaum traute- neue Hilfe, großartig!

Was ist dein Altes und was bringt dich wieder  zu Bewußtsein? Und wenn du noch etwas Neues ausprobieren möchtest, dann unterstütze doch Veronikas Adventsaktion dressember, für Frauen in Not. Wenn du das liest, dann kommst du auch ganz schnell zur Besinnung.

 

Davor, danach und zwischendrin

Ach, du lieber November, willst du dich denn wirklich schon wieder verabschieden? Kann ich dich denn gar nicht davon überzeugen, noch ein klitzekleines bißchen auszuharren?! In diesem Jahr hast du uns wirklich eingelullt, mit deinem feucht-kalten Charme, du wunderbares Zwischendrin, hast uns in Sicherheit gewiegt und wir haben uns bereitwillig darauf eingelassen. Wir dachten beispielsweise, es sei jetzt der ideale Zeitpunkt um gleich drei Zimmer auf Vordermann zu bringen, ist ja sonst nicht viel los, im November. Wir haben Möbel geschoben, Möbel gekauft und Möbel aufgebaut, wir haben gemistet, uns von Zeug getrennt und Zeug verstaut, gestrichen, tapeziert und geräumt. Jetzt sind wir platt und du gehst. Mit einem eiskalten Lüftchen wehst du uns direkt ins Danach, in den glänzenden, vollgepackten, anstrengenden und doch so bezaubernden Dezember.

Zum Abschied durften wir noch groß Geburtstag feiern und wir haben tüchtig gefeiert, so wie es sich eben gehört, wenn man vier Jahre alt wird. Da fängst du am besten morgens um fünf an und hörst erst am Abend wieder auf, denn die ganze Aufregung muss sich schließlich lohnen. Bevor diese wunderbaren, kleinen Menschen in unser Leben kamen, fühlten wir uns irgendwie nicht vollständig, ein Gefühl von Sehnsucht und Unfertigsein. Dazwischen wurde es ordentlich mühselig, aber danach…eine Leben ohne sie wäre ja gar nicht auszudenken. Und so feiern wir jedes Jahr mit Freude den Geburtstag unserer Kinder und damit auch den Beginn unseres Lebens als Großfamilie.

Das Novemberdazwischen war auch mühselig, zu Beginn stand die Sehnsucht nach mehr Ordnung, mehr Platz und mehr Gemütlichkeit. Für das Danach hat es sich gelohnt. Zum Dazwischen scheint eine gewisse Mühe und ein ordentliches Maß an Chaos zwingend dazuzugehören. Hast du es dadurch geschafft, dann stehst du in unserem Falle in neugestalteten Zimmern. Manchmal braucht es einen langen Atem, manchmal gute Nerven und Geduld. Das Dazwischen ist nicht immer freundlich zu dir, es fordert dich heraus und zeigt die ein oder andere Grenze.

Dieses Jahr ist es mir ganz hervorragend gelungen, die anstehende Adventszeit komplett zu ignorieren, kein Blinken und kein Leuchten, keine Lebkuchen oder Weihnachtskstaloge konnten mich von meinem Novemberleben ablenken und nun haben wir den Salat. Das neue Danach ist ein weiteres Dazwischen. Gestern dämmerte mir in der Warteschlange vor der Supermarktkasse, dass der 1. Dezember tatsächlich schon am Freitag sein soll. Für einen kurzen Augenblick sah ich traurige Kinderaugen auf der verzweifelten Suche nach ihren  Adventskalendern, einen Adventssonntag ohne Kranz und Plätzchendosen ohne Inhalt. Von Weihnachtsgeschenken und lieben Grüßen wollen wir gar nicht erst reden. Auf den Seiten meines ganz gewöhnlichen und sehr unadventlichen Kalenders ist gar kein Platz mehr, um all die Basteln- und Backen- Termine, Basare, Adventsnachmittage und Weihnachtsfeiern hineinzukritzeln, die Schulen läuten die Jahresendrunde ein und dazu kommt der nicht eben geringe Anspruch an „den“ Advent.

Als sich der akute Anfall von Supermarktkassenschnappatmung  wieder gelegt hatte, da kam mir das Folgende in den Sinn: eigentlich ist der Advent ja gar nichts anderes, als ein einziges, großes Dazwischen. Vielleicht das Dazwischen schlechthin. Es braucht die Sehnsucht im Herzen, jedes Jahr aufs Neue, nach Veränderung und Neubeginn, nach dem größten Wunder in kleinster Gestalt. Und dann kommt der Weg hin, auf das Eigentliche, ein bißchen Chaos, Durcheinander und Mühe, oh ja, die auch. Advent ist die Zeit der Veränderung, der Vorbereitung und Erwartung, er fordert dich, aber da muss nicht schon alles perfekt sein, perfekt dekoriert, perfekt frisiert, perfekt harmonisiert. Der Höhepunkt ist das Danach, wenn es Weihnachten wird, nicht nur in Plätzchendosen und auf Gabentischen, sondern vor allem und insbesondere in unseren Herzen. Wir haben dieses Danach so nötig, dass wir nicht müde werden sollten, diesen Weg jedes Jahr aufs Neue zu finden und zu gehen. Mal abgesehen davon, dass auch in jenem Stall höchstwahrscheinlich von Perfektion recht wenig zu finden war. Mit diesem Gedanken kann ich gut leben und mache mich getrost auf die Suche nach Adventskalenderfüllungen in Streichholzschachtelgröße und Tannengrün für den Kranz. Mehr braucht es erstmal nicht.

Im Dazwischen liegt Segen, geschieht Leben, passiert Veränderung. Dazwischen flechte ich Mädchenhaare zu Zöpfen, schenke ich eine Umarmung, streichle ich gequetschte Fingerchen, sortiere ich Schmutzwäsche und übe den Zehnerübergang. Dazwischen schiebe ich ein Brot in den Ofen, stricke ein paar Reihen, lese vor, kaufe im Kaufladen frischen Käse aus Holz und genieße Kinderkunst. Mühsam ist es hin und wieder, chaotisch und durcheinander, es fordert mich heraus und zeigt die ein oder andere Grenze. Aber es lohnt, es lohnt.

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Also, mein lieber November, wenn du gehen musst, dann geh. Danke, dass du da warst, dass wir dieses Dazwischen für uns nutzen durften, trotz aller Mühe. Ich freue mich schon, wenn wir uns nächstes Jahr wiedersehen.

Herzlich willkommen, lieber Dezember, schön, dass du kommst. Ich hoffe, du hast ein wenig Geduld mitgebracht und etwas gute Laune.  Die ein oder andere Herausforderung hast bestimmt im Gepäck, aber wir werden schon zurecht kommen. Ach Quatsch, bezaubern wirst du uns irgendwann, wie in jedem Jahr, ich bin mir ganz sicher.

Segensreiches Dazwischen wünsche ich dir, wo auch immer du gerade stehst und ganz liebe Grüße

„Mit all deinen Falten und all deinen alten Narben“

Du liebe Güte, eigentlich lag ich heute Morgen richtig gut in der Zeit. Alle waren genau in der richtigen Minute am richtigen Ort, alle hatten ein ordentliches Frühstück im Bauch, alle Zähne geputzt, alle Haare gekämmt, keinen Sportbeutel vergessen, nicht gebrüllt, die Spülmaschine schon beladen und sogar an die Matschhosen gedacht. Pünktlich um 7.24 Uhr trat ich mit minutiös ausgearbeitetem Zeitplan und einem Auto voller Kinder die tägliche Rundfahrt zu Kindergarten und Schule an. Läuft ja wie am Schnürchen heute, dachte ich noch, als plötzlich gar nichts mehr lief. Das Auto beschloss mitten im Berufsverkehr auf einer vielbefahrenen Hauptstraße, dass es jetzt lieber nicht mehr weiter fahren wollte. Mit Mühe und Not bewegte ich es noch auf den Parkplatz des Kindergartens, verabschiedete mich von meinen Zwillingen und machte mich auf, zu einem spontanen Besuch in der weltbesten Autowerkstatt, zu Fuß natürlich.

Und nun sitze ich hier, gut durchgelüftet nach meinem Fußmarsch, angespannt wie ein Flitzebogen und warte auf eine Meldung über das Befinden des bockigen Patienten. Mein minutiöser Zeitplan ist komplett hinüber, mein wohlüberlegter Blogeintrag für heute irgendwie auch, stattdessen türmen sich Sorgen auf. Ist ja fast schon lächerlich, wie angewiesen wir auf so etwas wie ein Auto sind und was da alles so dranhängt. Nun muss ich mich mal wieder in Geduld üben (eine meiner einfachsten Übungen…) und irgendwie noch eine elegante Kurve zu meinem Eintrag hier hinbekommen. Hmm, also, ich will es versuchen, wenn es etwas holpert, dann weißt du ja Bescheid, obwohl…eigentlich passt es…

Der Gatte und ich zelebrieren seit einigen Tagen die letzte Staffel von „Downton Abbey“. Wir sind etwas spät dran, aber ach, was habe ich mich darauf gefreut und sobald die beste Titelmelodie aller Zeiten erklingt, bekomme ich erst Gänsehaut und dann verliere ich mich in dieser anderen Welt, in klugen Dialoge und geistreichem Wortwitz. Schon am Ende der ersten Folge heulte ich wie ein Schlosshund (gut, das ist nicht sonderlich schwer zu erreichen…). In der letzten Szene stehen der altehrwürdige Butler Mr Carson und die nicht minder ehrwürdige Hausdame Mrs Hughes einander gegenüber, steif und unsicher, beide durch und durch integer, von Pflichterfüllung durchdrungen, schon lange nicht mehr jung und doch gänzlich unerfahren in Herzensangelegenheiten. Und sie möchte so gerne wissen, ob der Mann, den sie heiraten wird, ob er sie wirklich ganz will, mit allem, was dazu gehört, verbraucht und runzelig, wie sie nun mal ist, oder ob in ihrem Alter nicht eine Ehe auf rein geschwisterlicher Ebene vorzuziehen sei. Sie ringen um Worte und endlich fasst er sich ein Herz: “ Ich will dich, den ganzen Menschen, mit all deinen Falten und all deinen alten Narben!“ Wirklich, da hättest du die Tränen kullern sehen können, mitten ins Herz trafen mich diese Worte, so etwas schafft keine auf Hochglanz polierte Hollywoodschönheit in glitzernder Kulisse. Dieser Satz, wenn er auch nur aus einer Fernsehserie stammt, er hat mich die ganze Woche begleitet, immer wieder kam er mir in den Sinn, bin ich über ihn gestolpert.

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Seit siebzehn Jahren sind der Gatte und ich nun ein Paar, der Jahrestag fiel in diese Woche, und ehrlicherweise muss man zugeben, dass in diesen Jahren einige Falten und Narben an Leib und Seele hinzugekommen sind. Ich mag uns heute aber fast lieber, als das junge Paar, das wir damals waren. Unsere Gesichter und Herzen erzählen unzählige gemeinsame Geschichten, sie erzählen von Niederlagen und dem großen Glück, von Herausforderungen und Erreichtem, vom Gelingen und Scheitern, vom Hinfallen und wieder Aufstehen, von Treue und Zusammenhalt. Sie sind wie Teile, einer Lebenskarte, die nur zusammen einen Sinn ergeben. Das erfüllt mich mit so großer Dankbarkeit. Man stelle sich Gesichter vor, die keine Geschichten erzählen können. Nichts erschreckt mich mehr, als Makellosigkeit, als glatte, polierte Fassaden, ohne Spuren echten Lebens.

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Dieser Tage waren wir auch wahnsinnig fleißig und haben Kinderzimmer renoviert, dass es nur so staubte. Und in meinem Kopf dieser Satz. Als wir vor neun Jahren in dieses Haus einzogen, da hatten wir zwei Kinder und einen Keller. Heute haben wir fünf Kinder und ein Souterrain. Jeder Winkel und jedes Eckchen dieses Hauses wird bewohnt und genutzt, in Besitz genommen von dieser großen Familie. Schon als wir es kauften, hatte dieses Haus eine Geschichte, hatten bereits Kinder darin gewohnt, hatte es deutliche Gebrauchsspuren und lechzte nach etwas liebevoller Zuwendung.  Heute erzählt jede Wand und jede Ecke eine andere Geschichte, du findest Spuren von Buntstiften, an der ein oder anderen Stelle ist der Lack abgeplatzt, das Parkett sieht deutlich benutzt aus. Ich liebe dieses Haus so sehr, das voll mit Leben, Kindern und Büchern ist, bis in den hintersten Winkel, das keinen Preis bei „Schöner Wohnen“ gewinnen würde, das aber unfassbar gemütlich ist, eine sichere Burg für unsere Familie, ein echtes Zuhause mit genug Platz, um so zu sein, wie du bist. Es ist, wie wir sind. Und immerhin hat es jetzt wirklich hübsche Kinderzimmer.

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Ich sehe meine Kinder an, die tatsächlich noch ganz faltenfrei sind. Ich höre ihren Geschichten zu, die von Schule erzählen, vom Kindergarten, von Freundschaften und Geschwistern, von Freude und von Streit, von Herausforderungen und auf die Nase fallen. Und ich sehe die ein oder andere kleine Narbe auf Kinderherzen. Du kannst es nicht vermeiden, das Leben will gelebt werden, mit all seinen Emotionen, es will Spuren hinterlassen in deinem Gesicht und in deinem Herzen. Du bist ein Mensch, kein Roboter. Ich hoffe nur, dass irgendwann die Lachfältchen und nicht die Kummer- und Zornesfalten überwiegen werden. Oh, und unser Auto ist im Übrigen auch kein neues Hochglanzmodell mit Vollkaskorundumschutz. Es hat den ein oder anderen Lackschaden und hier und da eine klitzekleine Beule. Ich mag es. Und ich hoffe, dass es ihm bald wieder besser geht.

Und wenn es mal nicht läuft, wie am Schnürchen, dann weißt du, einer will dich immer, den ganzen Menschen, mit all deinen Falten und deinen alten Narben, von deinem Beginn an und durch die ganze Ewigkeit hindurch.

 

 

Wünsch dir was

Wenn es draußen richtig echter, ehrlicher November geworden ist, wenn die Nebelschwaden bis in die Mittagsstunden über den Weinbergen hängen, wenn der Dauerregen uns ins Haus treibt und die Sehnsucht nach Kuscheldecken und vollen Teetassen fast überhand nimmt, ja dann ist die Zeit gekommen: die Zeit der Spielzeugkataloge.

Zuverlässig wie Zugluft sind auch sie Begleiterscheinung des elften Monats, sie quillen durch alle Ritzen in unser Haus, hocken im Briefkasten, fallen aus der Tageszeitung und manchmal sogar aus des Gatten Bürotasche. Und hier werden sie erst von einer Vielzahl kleiner Menschen Willkommen geheißen und aufs herzlichste begrüßt, um dann studiert zu werden, als stünde in ihnen nun endlich der Weisheit letzter Schluß. Da sitzen sie ausdauernd und lesen und vergleichen, bestaunen die bunten Bilder bis die Köpfe rot und die Ohren heiß werden. Und die Stimmchen werden lauter und lauter, die Wünsche kommen in Fahrt und nehmen Geschwindigkeit auf, bis sie dir um die Ohren sausen, dass es nur so zischt. Die Luft schwirrt von Superhelden und Feuerwehrmännern aus Plastik, ein pinkfarbenes Plüscheinhorn, ein rosa Puppenklo, Paboritter, eine Karaokeanlage bitteschön, Puppenwagen und echt, eine Puppendusche, endlich ein Baumhaus für Sylvanians, oh und LEGO! Da wird angestrichen und mit Buntstiften markiert, bis man gar nicht mehr erkennen kann, was da eigentlich noch nicht gewünscht wird. Die ersten kindlichen Anfragen treffen ein, wann denn eigentlich Wunschzettel üblicherweise verfasst würden, aber ich winke beruhigend ab: das dauert noch Wochen! Vorher steht ja sogar noch ein wichtiger Zwillingsgeburtstag bevor. Wenn du fast schon vier Jahre alt bist und dank der einschlägigen Literatur einen ersten profunden Einblick in die Welt der Spielzeuge bekommen hast, dann kommst du aus dem Wünschen gar nicht mehr heraus. imageIch stehe dem Spektakel mit großer Gelassenheit gegenüber, bereitwillig lasse ich mir all diese bestaunenswerten Wunderbarkeiten aus der Überfülle des Angebotes und der Möglichkeiten zeigen. Im Laufe der nächsten Wochen wird sich die Aufregung wieder verflüchtigen, die akuten Ausbrüche der Habenwollenkrankheit wieder abklingen und dann kommt die eigentliche Elternaufgabe: welche, der geäußerten Wünsche bleiben, sind echte Herzenswünsche, werden an Geburtstag und Weihnachten Freude schenken und möglichst ein ganzes Jahr darüberhinaus? Ich bin ziemlich sicher: das rosa Puppenklo wird nicht dazugehören und das pinkfarbene Plüscheinhorn ist jetzt schon wieder vergessen. Vorsichtig, beim Anschauen und Unterhalten, beim Spielen und Vorlesen, kreisen wir die eigentlichen Wünsche und Träume ein, beobachten wir, was übrig bleibt, um dann Geschenke auszusuchen.

Es ist ja nicht so, als wären mir Ausbrüche der Habenwollenkrankheit gänzlich unbekannt. Es gibt durchaus Momente, in denen befinde ich ein Leben ohne einen einzigen Boden-Kaschmirpullover mit V-Ausschnitt als ziemliche Zumutung. Und Schuhe habe ich ganz eindeutig zu wenig. Ach, und das ein oder andere Handtäschchen?!image

Man muss nur ein wenig abwarten und schon wird klar: tatsächlich lebt es sich ganz prächtig ohne! Diese Momente gehen genauso schnell wieder vorbei, wie sie gekommen sind. Aber was wünsch ich mir wirklich? Was bleibt übrig, von der Überfülle der Möglichkeiten und Angebote (und ich meine nicht nur die, in Katalogen und Werbeblättchen)?Was bewegt mein Hirn, lässt mein Herz schneller schlagen und schenkt Freude übers Jahr? Mit was will ich mein Leben füllen, meine Gedanken, mein Tun, wofür brennt meine Seele? Ich habe Glück, und ich weiß es. Eine Vielzahl meiner Herzenswünsche sind erfüllt: mit dem Gatten an meiner Seite, diesen wunderbaren Kindern, die uns anvertraut wurden, einem Haus, vollgestopft bis unters  Dach mit Leben und Lachen, mit Tränen und Streiten, mit Versöhnen und Wachsen. Dafür brennt mein Herz, jeden Tag aufs Neue. Ganz ehrlich, da brauchst du keinen Kaschmirpullover, der dich warm hält. Den ein oder anderen Wunsch hätte ich natürlich trotzdem noch, ja auch Herzenswünsche, die übrig bleiben, wenn alle anderen sich schon längst verflüchtigt haben. Es sind nicht viele, sie zu kennen, ist gut (an manch einer Wunscherfüllung muss man selber etwas mitarbeiten, zumindest wenn du über, sagen wir mal, zwanzig bist…). Wenn du deine Herzenswünsche kennst, dann kannst du dir die Energie für den unnützen Kram sparen. Ich wünsche mir meine inniglich und hoffe auf Erfüllung, vielleicht, irgendwann, sie stehen auf dem Wunschzettel meines Herzens und ich behalte sie im Auge. image

Jetzt aber mache ich mich erstmal auf die Jagd nach echten Herzenswünschen in Kinderseelen, ich spüre sie auf und kreise sie ein…damit ich nichts durcheinanderbringe, fertige ich endlose Listen, und manchmal kann man einen Wunsch erfüllen, von dem der Betreffende gar nicht wusste, dass er ihn hatte. Das sind die Besten…

Was wünschst du dir?

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Und ich habe noch einen echten Wunsch: ich wünsche mir einen neuen Adventskalender, denn meine Zeit mit dem „andere Zeiten Kalender“ ist wohl vorbei, die letzten Jahre haben wir uns auseinandergelebt, leider. Hat jemand einen Tipp für mich?

Das leichte Leben

Heute gibt es mal eine kleine Ausnahme und dazu gleich eine Warnung: heute geht es ums Essen! Obwohl dieses kleine Eckchen hier ja ein Familienblog und kein Koch oder lifestyleblog sein möchte (die Vorstellung ist gar zu lustig…), würde ich gerne, wie versprochen, erzählen, wie es mir in den letzten Monaten mit dem leichten Leben ergangen ist. Also, wenn dich die Ernährungsgewohnheiten anderer Menschen nicht die Bohne interessieren (was ich durchaus nachvollziehen kann) oder du  überhaupt keine Schwierigkeiten mit dem Thema kennst (du darfst dich glücklich schätzen!), ja dann war es schön, dass du vorbeigeschaut hast. Dann darfst du dich jetzt getrost etwas Sinnvollerem zuwenden, ich wünsche dir eine segensreiche Woche und freue mich, dass du nächste Woche wieder vorbeischaust (vergiss es ja nicht, denn ich würde dich vermissen…).

Im Januar diesen Jahres habe ich festgestellt, was ich eigentlich in jedem Jahr feststelle: da ist zuviel Masse um mich rum. Die übliche Strategie der Jahre zuvor lautete, mich schleunigst bei einem großen Diätunternehmen anzumelden und die Masse durch eisernes Zählen von Punkten zu minimieren. Klappte eigentlich immer gut, ich kann sehr hart mit mir sein und bin durchaus leidensfähig. Gegen Sommer dann, verlor ich aber immer die Lust an der ganzen Zählerei, grässliche Versagensgefühle beschlichen mich, während ich die zweite Jahreshälfte nutzte, um die verlorene Masse wieder zurückzugewinnen. Mit viel schlechtem Gewissen und viel Unwohlsein. Dieses Jahr, im Januar, hatte ich auf den Quatsch keine Lust mehr. Das Essen bzw Nichtessen ist eines meiner Lebensthemen, wenn auch kein sehr Originelles. Aber dieses Ab und Zunehmen, als wäre ich der liebe Mond, konnte nicht die Lösung sein. Die Masse blieb. Und nein, ich gehöre nicht zu den glücklichen Runden, schon allein weil ich bekennende und praktizierende Hypochonderin bin. Und weil ich  natürlich immer ahnte, dass das Essen für vieles andere steht und keine wirkliche Lösung für alle Arten von Nöten ist.15101337152421595119877

Im Sommerurlaub stand ich nudelnkochend in der Küche und las Veronikas Artikel „Leben ohne Obsession“ und selten hat sie mir so aus der Seele gesprochen. Es musste doch eine Lösung geben, um von diesem blöden Thema wegzukommen, das soviel kostbaren Raum in Herz und Hirn einnahm. Ausserdem stellte ich mir immer öfter die Frage, welches Körperbild ich eigentlich meinen Kindern, aber natürlich insbesondere meinen Töchtern, mitgeben wollte. Was wir unseren Kindern vorleben, dass wird sie prägen. Wünsche ich meinen Töchtern ein Leben voller Selbstzweifel, Diäten und Essensnöten? Oder sollen sie sich in ihren Körpern wohl und gesund fühlen, ihr Essen genießen um sich dann getrost anderen Dingen zuzuwenden? image

Ich hatte schon viel von lebe leichtter gelesen und nun wollte ich es testen, aber- ich war wild entschlossen, es nicht zur Obsession werden zu lassen. Ich meldete mich zum online Coaching bei Bettina an und schwupsdich ging es los. Drei Teller, von dem was dir schmeckt (die Teller morgens und abends sind ehrlicherweise kleine Teller), ein Drittel davon Obst oder Gemüse, dazwischen nichts, gar nichts, auch kein Milchkaffee, einfach Pause und viel Wasser oder Tee rinken. Und dreißig Minuten Bewegung. Das war es. So lauten die Spielregeln. Kein Zählen, kein Verdammen von Lebensmitteln, nur Empfehlungen zum klugen Befüllen der Teller. Wozu dann ein Coaching? Weil es dich Woche für Woche durch das Programm führt, das darauf abzielt von der Fixierung auf das Essen wegzukommen und anstelle des Magens  Seele und Geist zu füllen. Wann isst du zuviel und was kannst du stattdessen tun? Welche Schätze liegen in dir verborgen? Wie nutzt du deine Zeit Und was ist dir wichtig? Und ehrlich gesagt, ist dies der schwierige Teil. image

Und wie war es nun? Ist das Leben leichter?

Die Autorinnen des Programms und auch die liebe Bettina sind Mütter einer ganzen Herde von Kindern. Das ist tatsächlich extrem hilfreich, denn glaube mir, sie haben jede Ausrede schon gehört und jede Herausforderung schon selbst gemeistert. Das macht das ganze sehr echt und lebensnah. Es steckt viel Humor drin und viel Christusliebe, und das gefällt mir. Die ersten zwei Wochen sind bitter, wenn du, wie ich, zum Dauergrasen neigst. Dann fühlst du dich, wie ein Tiger im Käfig. Aber dann war gut. Kein Extrakochen, dass war mir wichtig und weil es uns allen schmecken soll, grüble ich jetzt noch länger über dem Essensplan. Das war es dann. Dann denke ich nicht weiter drüber nach. Die eigentliche Herausforderung lag und liegt eher darin: wenn du Ärger, Alltagsfrust, deine Sorgen und Ängste, Langeweile und Kummer nicht mit Hilfe von Schokoladenkeksen und Käsebroten runterschlucken kannst, dann bleiben sie erstmal da. Und dann musst du andere Wege finden (die Kinder anbrüllen wäre keine gute Lösung…). Also ja, irgendwie wird das Leben dadurch, naja nicht leichter, aber anders. Auf wohltuende Art und Weise. image

Oh, und abgenommen habe ich natürlich auch. Und zwar genausoviel, wie mir vorhergesagt wurde. Die Hypochonderin in mir strahlt. Und es fühlt sich auch gut an. Bestimmt hätten es in diesen zwölf Wochen auch noch mehr Kilos sein können. Wenn ich den Nachttisch weggelassen hätte. Oder die Kohlehydrate am Abend. Aber dann wären wir wieder bei der Obsession. Und das wollen wir ja nicht. So ist es jetzt einfach  ein guter Alltag. Dank dir Bettina! Und wenn du auf der Suche nach einer Lösung sein solltest, für dieses wenig originelle, aber weitverbreitete Lebensthema, dann nur zu! Ich kann es empfehlen.