Verwundert – in aller Ruhe!

Verwundert habe ich festgestellt, dass ich in diesem Monat nun schon ein ganzes Jahr hier in meiner kleinen Ecke vor mich hin blogge und wie sehr mir dieses Eckchen doch ans Herz gewachsen ist. Nicht nur weil mir das Schreiben Freude bereitet und eine gewisse Reflexion des Alltags tatsächlich sehr gewinnbringend ist, das auch. Der eigentliche Gewinn sind die Menschen, die ich auf diese Weise- wenn natürlich auch nur virtuell und damit bruchstückhaft- kennenlernen durfte. Das ist doch ein Segen und ich freue mich wirklich sehr darüber! Denn ich lese ja auch so gerne die Blogs der anderen (man muss sich natürlich beschränken- wo käme ich da hin und der ganze 7geisslerische Hausstand gleich mit?!) und lasse mich gerne inspirieren und ermutigen. Also aus tiefer Seele: oh wie schön, dass ihr alle hier seid! Die Leser und die Schreiber und die schreibenden Leser und die lesenden Schreiber! Dankeschön!

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Verwundert habe ich auch festgestellt, dass aus den winzigen Samenkörnchen, die ich in der letzten Karwoche mit meinen Kommunionkindern eingepflanzt habe, auch tatsächlich echte Blumen geworden sind. Ich bin da ja immer sehr misstrauisch, habe eher zwei linke als zwei grüne Daumen und vielleicht bin ich auch manchmal einfach kleingläubig- man sieht da so lange gar nichts, wer weiß, ob da überhaupt etwas passiert und man kann so gar nichts dafür tun ( außer wässern natürlich, aber wieviel ist genug und was schon wieder zu wenig, echt ein bittres Geschäft für den eingefleischten Kontrollfreak). Fazit: aus dem Anschauungsbeispiel für Kinder wurde mal wieder ein Lehrstück für mich. Gerade in Sachen Glauben und Gottvertrauen. Und auch in Sachen Kindergroßziehen. Wir säen und wir wässern ein bißchen- der Rest…

Nicht wirklich verwundert hat mich mal wieder, wie schlau Kinder doch sind und wie sehr sie durchaus noch ein natürliches Gespür für ihre Bedürfnisse haben. Nun ist dieses Schuljahr fast vorüber und wir merken, was funktioniert hat und was nicht. Der kluge Erstklässler möchte eigentlich gar nicht direkt im Anschluß an die Schule Hausaufgaben machen, nur weil es in meinen kruden und strammen Zeitplan so festgeschrieben ist. Er ist dann nämlich müde und hungrig, da denkt es sich so schwer. Und ich renne wie der Watz zwischen Küche und Kind hin und her, damit Essen und Hausaufgaben fertig werden. Nebenbei zwei dauernölende, kindergartenmüde Kleinkinder, die Mama wollen und nur Zischen ernten. Nun macht der Erstklässler Hausaufgaben nach dem Essen, gemeinsam mit der großen Schwester. Wenn ein anderer neben dran  mitschuftet, ist alles gleich viel einfacher. Außerdem ist man satt und hat schon eine Stunde Fußball gespielt. Und ich lasse mir beim Kochen von den Kleinen helfen- so kann ich mich auch in aller Ruhe mit ihnen unterhalten. So lange hat dieses Puzzleteil im Familienleben garstig geklemmt und nun passt es.

Sehr verwundert bin ich darüber, dass ja schon bald Ferien sind und noch erstaunter darüber, dass wir dann auch in Urlaub fahren. Es ist ein bißchen, wie mit Weihnachten- man weiß es ja und ist dann doch überrumpelt. Also fertige ich langsam Listen an. Eine „was wollen wir in den Sommerferien zu Hause tun“ Liste, eine Packliste (fällt deutlich kürzer aus, als letztes Jahr, denn Italien ist doch etwas wetterbeständiger als Schweden), eine Leseliste…. ich glaube, im Listenschreiben liegt ja schon das halbe Vergnügen, es beruhigt so schön das Gemüt und steigert die Vorfreude.

So, jetzt aber genug der Wunderei. Ich gehe und mache etwas Ordentliches- Blumengießen zum Beispiel und den Toskanareiseführer suchen. Aber nicht vergessen: es ist so schön, dass ihr alle hier seid!

Einsichten am frühen Montagmorgen

Bin ich froh, dass Montag ist. Es gibt ja Wochenenden, die so anstrengend sind, dass man sich nach ein wenig gewöhnlichem Alltagseinerlei sehnt. Nicht nur das Wochenende, nein die ganze letzte Woche im Haus 7 Geisslein war bis an den Rand gefüllt mit Feiern und Emotionen, mit Suchen und nicht immer Finden, mit großen Aufs und kleinen Abs.

Während ich die letzten, poolfeuchten Handtücher zusammensammle und Chipskrümmel  aus den Sofaritzen sauge, sortiere ich die Einsichten der letzten Tage:

  1. Saubersein  ist doch ein äußerst dehnbarer Begriff. Keine Windel mehr zu tragen, heißt das nicht, dass schon alles in trockenen Tüchern ist-  nur weil es für ein paar Tage wunderbar funktionierte. Vielleicht bist du gerade zu müde, oder zu beschäftigt oder eben einfach wütend. Wenn du gerade sehr wütend bist, dann kann es passieren, dass du vor Zorn auf den Balkon pinkelst. Zorn verraucht manchmal erstaunlich schnell und dann ist dir die Pinkelei arg. Dem Himmel sei Dank, wenn man dann nicht alleine durchs Leben gehen muss, sondern immer einen Gefährten an seiner Seite hat. Zu zweit findet sich immer schnell eine Lösung. Man kann die Sauerei zum Beispiel mit viel Wasser beseitigen. Du brauchst nur zwei Zahnputzbecher und Wasser findest du in der Toilette, in der eigentlich…Wenn es zu viel Wasser ist, was schon vorkommen kann, denn du möchtest vielleicht gründlich sein, dann nimmst du einfach 25 Handtücher aus dem Wäscheschrank und verteilst sie überall. Wie gesagt, dass mit den trockenen Tüchern…hmmm.
  2. Einhörner sind ja der letzte Hit. Überall Einhörner, gehäkelt, gedruckt, auf Postkarten und neckischen Facebookeinträgen. Letzte Woche durften wir einem leibhaftigen begegnen  und es ist wahrlich weit weniger romantisch, als man es sich gemeinhin vorstellt. Dem Gatten wurde kurzzeitig leicht schlecht und ich wollte nur noch davonrennen und mich im Wald verstecken. Stattdessen haben wir uns am Riemen gerissen und das Einhorn, das vor seinem schweren Rollersturz noch ein ganz gewöhnlicher Erstklässler war, zum nächsten Arzt transportiert. Echt, was anatomisch alles möglich ist, ist irre. Als alle Schürfwunden versorgt und der Kopf untersucht war, konnten wir weiter Geburtstag feiern. Damit waren wir nämlich eigentlich gerade beschäftigt. Gestern wurde mir gesagt, dass Einhörner schon wieder passee sind. Flamingos sind jetzt die neuen Eulen.
  3. Der Gatte und ich sind nächsten Monat schon 12 Jahre verheiratet. Und das merkt man einfach. Wir sind ein eingespieltes Team und die Kommunikation klappt hervorragend. Ich bin sehr stolz auf uns und wie wir das alles managen. So hat er mich schon vor Wochen darüber informiert, dass er als Wahlleiter einer hier anstehenden Wahl einen ganzen Sonntag aus dem Haus sein müsse. Keine Frage, kein Problem. Auch ich informiere ihn immer umgehend über alle anstehenden Termine, ganz vorbildlich. Wie der Sonntag, an dem ich trotz Geburtstagsübernachtungsparty unserer Tochter ab 11.00 Uhr in der Kirche sein musste. Und am Nachmittag Getränke auf einem Konzert ausschenken sollte. Keine Frage, kein Problem. Vielleicht hätten wir ein Datum nennen sollen. Dann hätten wir gemerkt, dass das alles am selben Sonntag stattfinden sollte. An solch lächerlichen Feinabstimmungen werden wir dann die nächsten zwölf Jahre arbeiten.
  4. Kindergeburtstage für Neunjährige verlangen weniger von dir, als man vermuten könnte. Die gehen auch wirklich schon alle alleine aufs Klo und haben kein Interesse an mütterlicher Dauerbespaßung. Eine Fotorally, die sie alleine bewerkstelligen können, ein paar Fläschchen Nagellack als Überraschung auf den Kopfkissen, einen großen Bruder, der eine gigantische Wasserschlacht anzettelte, blechweise Pizza, ein netter Film mit ausreichend Verpflegung und zum Abschluss eine Fackelwanderung, die man dem Gatten überlässt. Um 00.30Uhr war Ruhe. Falls du aber vorhast, den zehn Kindern, die insgesamt in deinem Haus übernachtete haben, zum Frühstück Waffeln zu servieren (der einfachheitshalber, denn es ist ja Sonntag und du bist allein), dann solltest du sicherstellen, dass dein 35 Jahre altes Waffeleisen nicht ausgerechnet an diesem Morgen beschließt, zu sterben. Nicht, wenn du erst zehn Waffeln gebacken hast. Dem Himmel sei Dank gab es zum Geburtstag, die heißersehnte Cake Pop Maschine. Statt Waffelherzen gab es Waffelkugeln, kann man auch in Puderzucker wälzen, in Schokosirup ertränken oder in Nutella baden. Improvisation ist eben nicht das halbe sondern nahezu das ganze Leben.
  5. Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass man sich Sommerferien mindestens genauso hart erarbeiten muss, wie Weihnachtsferien. Da führt schlicht kein Weg dran vorbei und es wird einem keine Wurst geschenkt. Allein in den nächsten zehn Tagen hätten wir das Sommerfest der Fußballer (sie grillen, bitte einen Salat mitbringen), das Sommerfest der 1. Klasse (sie grillen, bitte einen Salat mitbringen), das Sommerfest der 3. Klasse (sie grillen….), das Sommerfest der Turnerinnen (!!), das Sommerfest der 5. Klasse ( oh wurde wegen Terminknappheit vertagt- ist jetzt im September, sie grillen…), das Sommerfest der Messdiener (!!!). Wenn unsere Zwillinge dann auch irgendwann so weit sind, werde ich für den Monat, in dem es Ferien gibt, das Kochen gänzlich einstellen und die Kinder auf die Grillplätze der Umgebung schicken, falls sie überhaupt nochmal so etwas wie Hunger verspüren sollten- denn einer grillt immer.

Falls mich in den nächsten Tagen einer suchen sollte, dann sucht auf den einschlägigen Feierplätzen in der Umgebung. Oder in meinem Liegestuhl. Dort sitze ich dann und verdaue. Und freue mich auf die Ferien. Euch da draußen eine segensreiche, gute Woche!

26000

Manchmal läuft der Alltag über Monate seinen gleichförmigen Alltagsgang, mit kleinen Höhen und Tiefen, mittleren Katastrophen und netten Highlights. Scheinbar passiert nichts weltbewegendes. Manchmal purzeln die Ereignisse und die Meilensteine nur so durcheinander und man ist überwältigt davon, wieviel in den verborgenen Tiefen des Alltags eben doch  passiert.  So geschehen bei uns in den letzten Tagen und ich bin noch ein wenig atemlos. Wir sind nämlich sauber. Jetzt endlich alle, von einem Tag auf den anderen. Noch immer begreife ich nicht so richtig, wie Zwillinge ticken. Ganz verstehen werde ich es wohl auch nie, denn ich bin ja keiner. Aber auch diese entscheidende Veränderung in ihrem Leben haben sie gemeinsam beschlossen und von jetzt auf gleich in die Tat umgesetzt. Nun wirst du vielleicht müde lächelnd abwinken und sagen „Windelfreie Kinder, na und? So spannend ist das ja nun wahrlich nicht?!“ Recht hast du, wenn ich auch diesen besonderen Schritt in die Selbstständigkeit immer wieder beachtlich finde. Aber in diesem Falle ist es nicht nur ein Meilenstein in zweier Kinderleben. Nein, es ist ein gigantischer Meilenstein im Leben von uns als Eltern, der da überraschend vor uns aufragte. Der Gatte ließ es sich nicht nehmen, überschlug kurz die Bilanz der letzten elf Jahre und er kam auf stolze 26000. 26000 Windeln haben wir so ungefähr über den Daumen gepeilt (Magen-Darminfekte mal nicht mitgerechnet) in diesen Jahren ohne Unterlass gewechselt. Elf Jahre lang war ich zu jeder Zeit Mutter mindestens eines windeltragenden Kleinstkindes. Jetzt bin ich es nicht mehr. Das war am Freitag.

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Am Montagmorgen beschlossen die selben zwei kleinen Menschen, dass sie jetzt Fahrradfahren lernen wollten. Der Gatte sprach begütigend und vorausschauend darüber, wie lange es dauern kann, bis ein Mensch das Fahrradfahren beherrscht. Pustekuchen- am Montagabend sausten sie beide die Straße vor unserem Haus auf und ab, alleine. Gestern nutzte einer bereits die neue Selbstständigkeit und entkam samt Rad auf den nahegelegenen Spielplatz. Ich fürchte, nächste Woche machen sie den Führerschein und ziehen aus.

Meilensteine im Leben unserer Kinder entpuppen sich manchmal als Wegmarker in unserem eigenen Leben.Vor gut vier Jahren saß ich mit meinem dicken Babybauch auf dem Bänkchen vor unserem Haus. Es war Hochsommer, ich durfte mich nicht bewegen und bekam Besuch von drei lieben Freundinnen. Sie brachten mir zwei Rosenstöcke, weil sie wußten, wie sehr ich Rosen liebe. Und weil ich mich ja nicht bewegen durfte, pflanzten sie die beiden Stöcke auch gleich an der gewünschten Stelle ein. Der Boden war knochenhart, das Werkzeug mehr als unzureichend, die Aktion dauerte ewig, kostete die drei Damen viel Schweiß und noch mehr Lachtränen. Irgendwann waren die zwei unscheinbaren Stöckchen in der unwirtlichen Erde. Wenn ich heute zu meinem Auto will, dann gehe ich an einer Wand aus Rosen vorbei. Sie blühen so prächtig, dass ich aus dem Daranfreuen gar nicht mehr herauskomme (und jedes Mal diesen drei Frauen einen lieben Gedanken schicke). Still und leise, fast unbemerkt, sind sie in diesen Jahren gewachsen und immer größer geworden. Ein Meilenstein aus blühenden Rosen.image

Leben heißt Wachstum und Veränderung, manchmal laut und mit großem Trara, manchmal aber auch still, leise und fast unbemerkt, Schrittchen, für Schrittchen, für Schrittchen. Das gilt nicht nur für Kinder und Rosen. Das gilt für alle, ein ganzes Leben lang. Ich bin keine Kleinkindmama mehr. Das eröffnet in nicht all zu ferner Zukunft neue Möglichkeiten und Perspektiven und es gruselt mich auch ein bißchen. Nicht, dass ich je dachte, ich sei fertig. Aber so deutlich bewusst wird es einem ja nicht immer. Ich bin gespannt, wo ich noch hinwachsen darf, am liebsten in vielen tausend kleinen Schritten. Fürs große Trara bin ich nicht so zu haben. Und jetzt mal ehrlich- 26000!

 

 

 

Es sommert so…

Habe ich wirklich letzte Woche über die Vorzüge des Lernens zu jeder Zeit, an allen Orten geschrieben? Ja war ich denn noch ganz bei Trost?! Wenn du schon mal versucht hast, Kinder zum Lernen für eine Geometriearbeit bei 30 Grad zu bewegen, dann weißt du was ich meine. Bei einer Rechtschreibarbeit funktioniert es auch nicht besser, glaube mir, ich teste es gerade aus. Genauso gut könnte man von mir verlangen, einen Eiswürfel in der Hand von hier nach Frankfurt zu tragen, ohne dass dieser schmilzt. Und wer wollte es Ihnen denn verübeln, den lieben Kleinen. Es sommert doch einfach zu herrlich! Ich habe selbst überhaupt gar keine Lust mehr, zu irgendwelchen hirnakrobatischen Leistungen (und Würfelnetze fallen für mich durchaus in diese Kategorie, keine Frage). Dummerweise ist es wohl schlecht möglich, das Schuljahr bereits zum 31. Mai enden zu lassen und sagen wir mal pünktlich zum 1. September wieder beginnen zu lassen.

Man könnte die Zeit ja sinnvoll mit angewandtem, praktischem Lernen füllen. Eis in allen Sorten zu produzieren beispielsweise. Seit eine Eismaschine in unserem Haus wohnt und endlich auch eine dazu passende, fabelhafte Rezeptsammlung, träumt der Gatte in zitronengelb, himbeerrosa und karamellbraun. Eine ideales Übungsfeld für angehende Nachwuchsgelateristen.image

Man könnte auch endlich einen ordentlichen Versuch darüber starten, wie lange man am Stück im Pool planschen kann, bis man endgültig selber zum Fisch geworden ist.

Oder sich mit Hingabe der Sommerschmuckherstellung widmen. Das fördert die Kreativität und ist ganz ungemein schmückend.imageNicht zu vergessen die ausführliche Besichtigung der heimischen Burgen und Schlösser. Kein Mensch möchte an kalten Wintertagen durch zugige Gemäuer stiefeln, aber gerade jetzt, wo der Wald so grün ist und die Luft schon ein bißchen flirrt, da macht es Spaß und informativ ist es obendrein.

Auf wieviel verschiedene Arten man einen Grill bestücken kann, ist eine Lektion fürs Leben, da bin ich sicher.

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Diskussionsrunden über den Sinn und Unsinn von handgestrickten Sommerpullovern schärfen den Verstand und die Redegewandtheit der ZungeimageUnd das Beisammensein mit lieben Freunden an langen, warmen Sommerabenden, das Brot (und den Wein, ähem, den Rhabarberkuchen und ….) das wir teilen und das selbstvergessene Spiel ist unbezahlbar.

Nö, Ferien vom 1. Juni bis zum 1. September werden sich wohl langfristig nicht durchsetzten. Also machen wir all das trotzdem, bauen Geometrie und Rechtschreibung irgendwie drumherum, lassen manchmal fünfe gerade sein und freuen uns des Lebens. Ach, es sommert nämlich gerade so herrlich!

Lektionen

Letzten Sonntag hatte ich nach längerer Zeit mal wieder die Gelegenheit, eine flammende Autopredigt zu halten. Als Kind habe ich solche Autopredigten gehasst, denn es gab kein Entkommen. Heute finde ich sie manchmal ganz praktisch-denn es gibt kein Entkommen. Die Ursache meines Ausbruchs war leider keine weltbewegende oder auch nur halbwegs originelle, sondern nur das öde Thema Lernen und die irrige Annahme meiner Kinder, dass Wissen, insbesondere Schulwissen, eigentlich vom Himmel fallen müsse. Und eine mittlere Explosion von Frustration am frühen Sonntagmorgen, weil das zähneknirschend angegangene Lernen nicht in der Sekunde den gewünschten Erfolg hatte, sondern erstmal Lücken aufzeigte, die dazu angetan waren, klaftertief hineinzufallen  und Hindernisse, die auf den ersten Blick unüberwindbar schienen. Aus vielerlei Gründen ist das Lernen nun mal ein mühseliges Geschäft und selten die reinste Freude.image

So schön in Stimmung gebracht, konnte ich mir die Autopredigt nicht verkneifen und hielt ein flammendes Plädoyer für und über den Wert des Lernens. Müssen nicht schon allerkleinste Kleinkinder das Gehen erst umständlich erlernen? Und fallen sie nicht andauernd auf den Allerwertesten? Ha! Steht man eben wieder auf und versucht es nochmal! Hat man schon mal von jemandem gehört, der das Sprechen von einem Tag auf den anderen vollständig beherrscht?! Es ist doch wohl ein Privileg ein lebenslang lernen zu dürfen, zu scheitern, zu irren und wieder von Vorne anzufangen! Von Geburt an unfertig, ist der Mensch auf Entwicklung ausgelegt – (Achtung Tremollo in der engagierten Stimme) EIN LEBEN LANG!  Da wird man sich doch nicht von ein paar Ablativformen und mathematischen Unwichtigkeiten schrecken lassen!….am Ziel angekommen flüchteten meine erlösten Kinder aus dem Auto und ich folgte ihnen, noch ganz außer Atem von der Anstrengung.

Es dauerte nicht lange, da meldete sich die gehässige kleine Stimme, die irgendwo in meinem Hinterkopf wohnen muss.        „Was für eine kluge Mutter, du bist!“, säuselte sie erst zuckersüß. “ Sehr weise! Und auch überzeugend! Das Lernen….und so…aber hast du nicht gerade gestern erst den Gatten vollgeheult , wie es denn sein könne, dass du die immer selben sechs- acht Kilo jedes Jahr ab und wieder zunimmst? Dass eine vierzigjährige Frau es doch mittlerweile gelernt haben müsse und dass das alles grässlich frustrierend sei? Sind dir nicht gerade in den letzten Wochen tausend gute Gründe eingefallen, die gegen das Bloggen oder gar richtiges Schreiben sprechen? Und ist es nicht die Angst vorm Scheitern und davor, etwas Neues zu lernen und zu wagen, die dich abhält? Jaja, sehr weise bist du, vor allem, wenn es nicht um dich selber geht!“

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Garstige kleine Stimme, Recht hat sie. Aber ich eben auch. Und so verbot ich ihr auf der Stelle das Weiterzetern (wie gesagt, ich war in Fahrt) und ließ Ruhe ins aufgebrachte Herz ziehen. Ja, es ist ein Privileg zu lernen, es ist keine Schande unfertig zu sein und es gibt Lektionen, die benötigen mehr Zeit, als der lateinische Ablativ oder irgendwelche mathematischen Unwichtigkeiten. Manche von ihnen wollen tatsächlich ein lebenlang eingeübt werden. Gruselig wird es doch erst, wenn einer meint, er sei schon fertig und müsse nichts mehr lernen. Wer will denn Gott spielen? Wir sind Menschen. Und weil das Gnädigsein mit mir selber definitiv eine meiner Lebenslektionen ist, verzeihe ich mir die blöden sechs bis acht Kilo, lerne weiter, gut für mich zu sorgen und nehme halt wieder ab. Vielleicht hält es diesesmal ja länger? Ich schreibe einen Blogbeitrag und entschließe mich ein wenig mutiger zu werden, auch wenn es schiefgehen könnte. Oh und ich halte weiter flammende Plädoyers für das Lernen an allen Orten, in allen Bereichen, zu allen Zeiten. So öde ist das gar nicht…Also wenn du mich irgendwo zetern hörst…..

Außerdem diese Woche gelernt: Fladenbrot backen und Erdbeereis machen, wie man Hüpfkästchen springt und ein kleines Pulloverchen mit Kapuze strickt. Und das ich die Farbe Pink immer noch liebe.

Flügge werden

Seit letzter Woche teilen wir unseren Garten mit einer weiteren Familie. Wir kennen Sie schon ein Weilchen vom Sehen, denn sie haben ihr Zuhause im Haus gegenüber von uns. Amselpapa, Amselmama und drei Amselkinder bevölkern das gegenüberliegende Dachgebälk und ihnen beim Familiesein zuzuschauen ist spannender als jeder Krimi. Allein die Mühe genug Futter für die gefräßige Bande ranzuschaffen, war unübersehbar und verdiente größten Respekt. Hach, ich fühlte so mit ihnen. Als der Amselpapa neulich schnaufend auf unserem Zaun saß meinte ich zu ihm: „Unmöglich, der Nachwuchs, oder?! Wieviel Futter geht denn da rein? Ich muss auch gleich nochmal zu Aldi…und nie stehen die Schnäbelchen still!“

Letzte Woche dann begann ein neues Kapitel in der Amselfamiliensaga. Es war an der Zeit die dauernölende Brut aus dem Nest zu schubsen und ihnen das Fliegen beizubringen. Unser Garten und die Straße vor unserem Haus erschienen  Herr und Frau Amsel wohl die geeignetsten Orte dafür. Ich hatte so meine Zweifel, denn die ebenfalls gefräßige, dicke Nachbarskatze lag schon auf der Lauer. Was begann war ein Lehrstück fürs Leben. Aus dem Nest mussten sie, da gab es kein Vertun. Fliegen konnten sie nicht. Ständig knallte einer dieser Vogelteenies gegen unsere Hauswand oder gegen die Fensterscheibe. Dann saß man eine Weile benommen im Gras und nahm Anlauf für einen weiteren Versuch. Mama und Papa Amsel waren immer in der Nähe, zwitscherten aufgeregt um die Gefallenen, verjagten mit ihrem aufgeregten Geplärr die fiese Katze und leisteten den härtesten Job ihres Lebens. Sie hinderten die Kleinen nicht am Fliegenlernen, aber sie ließen sie auch nicht allein. Allerdings waren sie zwischenzeitlich mehr als aufgebracht und Mama Amsel plustere sich auf, als wolle sie gleich platzen. Ich habe so mit ihnen gelitten und gefiebert, war ja kaum auszuhalten. All diese Gefahren?! Wie dusselig kann man sich denn anstellen?! Rumms- wieder eine Bruchlandung. Kommt da etwa die Katze, das Auto, die Herde Menschen? So weit ich die Lage überblicke, haben alle drei das Fliegen mittlerweile auf die Reihe bekommen und diesen wichtigen Schritt in ihrem Leben überlebt. Es ist Ruhe eingekehrt ins Amselfamilienleben und die Abstände zu Nest und Eltern werden größer. Man ist direkt erleichtert, aber auch ein bißchen wehmütig. Am Flüggewerden führt eben kein Weg vorbei.

Letzte Woche fuhr unser Großer zum ersten Mal auf eine richtige Klassenfahrt. Eine ganze Woche irgendwo im nirgendwo. Es war grässlich. Für mich, nicht für ihn. Keinen Mucks hörten wir von den Verreisten (was ja das Allerbeste ist), aber ich hatte Heimweh nach meinem Kind. Abends stand ich im leeren Kinderzimmer und dachte: irgendwann wird es so sein, irgendwann sind sie alle weg, am Flüggewerden führt kein Weg vorbei. Weder für die Kinder noch für die Eltern.

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Gott sei Dank kehrten am Freitag alle wohlbehalten, müde aber glücklich,  wieder zurück und hatten eine tolle Zeit. Gott sei Dank erinnerte ich mich an Frau Amsel und ließ den Knaben größtenteils in Frieden. Es werden wohl noch genug Gelegenheiten kommen, um sich aufzuplustern und mit mit lautem Geplärr die Katze zu vertreiben. Es wird wohl auch noch die ein oder andere Bruchlandung geben. Gehört dazu, ist ganz normal. Gott sei Dank, dachte mein wehmütiges Herz, habe ich ein paar Jahre Zeit für den ganzen Zinnober und muss das nicht alles in einer Woche abhandeln.

Gestern Abend traf ich Herrn Amsel mit Gattin, wie sie im Abendsonnenschein auf unserem Zaun saßen. Sie plauderten ganz angeregt und wirkten zufrieden und entspannt. Na, das sind ja nette Aussichten, dachte ich so für mich, und schickte ihnen einen lieben Gruß.

 

Im Auge des Betrachters

Irgendwann letzte Woche kroch ich, wie jeden Morgen, früh um sechs unausgeschlafen und zerknautscht aus meinem Bett, wankte ins Badezimmer und versuchte gleichzeitig einen Fünftklässler zu wecken und dabei den richtigen Weg in meine Klamotten zu finden. Dringend nötige Renovierungsarbeiten an Gesicht und Frisur vertagte ich auf später- soviel Zeit hat das große Schulkind am Morgen nicht und  er zieht sein Frühstück eindeutig einer renovierten Mutter vor. Auf dem Weg nach unten traf ich auf einen erstaunlich ausgeschlafenen Dreijährigen und herzte ihn, wie es sich gehört. Und er nahm mein zerknittertes Gesicht in seine kleinen Patschehändchen, sah verliebt in meine schlafverquollenen Augen und sagte aus tiefster Seele: “ Du siehst so schön aus!“ Dann drückte er mir einen herzhaften Schmatzer auf den Mund und fügte hinzu:       „Du hast zwei Augen! Ich will jetzt Saft.“ Vergnügt zog er von dannen und ich blieb noch für ein paar Sekunden, wo ich war. War er denn blind? Sah er nicht den rausgewachsenen Haaransatz, die dunklen Ringe unter den müden Augen, die lästigen Pfunde, die sich zu einer Trennung von mir einfach nicht entschließen wollen? Zwei Augen, immerhin, aber der Rest? Hm. Ich sah das alles. Alles weit entfernt von optischer Makellosigkeit. Trotzdem entschloss ich mich das Kompliment dankbar in die Tasche zu stecken und machte mich schon deutlich beschwingter an die Zubereitung des Frühstücks.

Später am Tag las ich in einem Blogeintrag von Lena eine Liebeserklärung an ihre Mutter und deren Schönheit. So liebevoll beschreibt sie die Frau, die sie geboren hat, dass es einem ganz warm ums Herz wurde. Liebe macht schön- den der sie gibt und den, der sie empfängt.

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Am Sonntag dann waren wir zur Feier der Erstkommunion unserer Tochter alle ganz unfassbar hübsch zurechtgemacht. Alle Haare frisiert, die Buben und der Gatte in Hemden und Krawatten, alle Damen der Familie  in schönen Kleidern. Am hübschesten natürlich unser Kommunionmädchen, die wirklich zauberhaft aussah mit ihrem Kleid, ihrem Haarschmuck und ihrem strahlenden Gesicht. Die ganze Pracht hielt selbstverständlich  nicht lange, je nach Persönlichkeit kaum bis nach dem Gottesdienst und der Anfertigung einiger Fotos. Dann mischten sich schon Saucenspritzer mit einigen Flecken Mousse au chocolat, zerrissen beim Spielen feine Strumpfhosen und ein Regenschlammgemisch zierte dunkelblaue Hosen.

Aber so hübsch und prächtig wir alle an diesem Morgen waren, am schönsten sah mein Mädchen aus, als es mit wehendem Haar und weißem Kleid selbstvergessen und völlig entspannt durch den Regen rollerte- ein Bild wie ein Gemälde. Am schönsten ist sie früh am Morgen, wenn sie noch schlafwarm und zerwuschelt aus dem Bett aufsteht oder versunken durchs Wohnzimmer tanzt. Mein großer Junge hat eine Art seinen Kopf in den Nacken zu legen und von ganzem, tiefen Herzen zu lachen, es kullert ganz unten aus ihm heraus und ist nicht nur ansteckend sondern ganz unglaublich schön. Nie ist mein Erstklässler schöner, als wenn er mit hochrotem Kopf, erschöpft und glücklich von einem Fußballplatz wankt. Wenn er völlig vertieft ist in ein Bilderbuch. Wenn er eine Schleichwelt baut, gelöst und voller Frieden. Es sind zauberhafte Momente, wenn sich meine Kleinen scheinbar unbemerkt in den Armen halten. Wenn sie ins Spiel versunken sind oder in den Armen ihres Vaters schlafen. Selbstverständlich sind meine Kinder die schönsten Kinder der Welt, gar keine Frage. Alle Kinder dieser Welt sollten die schönsten sein, weil liebende Augen auf ihnen ruhen und die Liebe Schönheit sichtbar macht. Schönheit, wenn ich es recht bedenke, bedeutet wohl nicht optische Makellosigkeit. Schön sind wir vielmehr dann, wenn wir ganz bei uns sind und ein liebevoller Blick mitten in unser Herz fällt. Ich hoffe, dass fällt mir wieder ein, wenn ich das nächste Mal morgens früh um sechs vor meinem zerknitterten Gesicht im Badezimmerspiegel erschrecke. Ich bin schön, weil ich geliebt bin. Und weil ich darauf vertrauen darf, dass derselbe Blick, mit dem ich die unvergleichliche Schönheit meiner Kinder sehe, auch auf mir ruht. Weil ich ein Kind Gottes bin. Und du auch.

Bereit

Wir wären dann soweit. So bereit, wie es denn eben möglich ist.   Der Gatte hat sogar vor dem Haus geflaggt, die Festtagsklamotten für sieben liegen bereit, ich habe heute vier verschiedene Nachttische angerührt und der Saal ist geschmückt. Unser Kommunionmädchen platzt fast vor Aufregung, alle Haare sind geschnitten und gestern hat eine Käsesahnetorte auf unserem Esszimmerschrank übernachtet. Festtage sind großartig und aufregend und anstrengend. Über Monate habe ich meine sechs Mädchen und den einen tapferen Buben begleitet, sie auf diesen Tag vorbereitet, so gut ich es vermochte. Was werde ich nur mit den freien Montagnachmittagen anfangen?!

Ja, wir wären dann soweit. Ab jetzt liegt es nicht mehr in unserer Hand. Ob der Same, der gelegt wurde, aufgehen wird? Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es. Und ich bitte um Segen für diese dreißig kleinen Menschlein  morgen, für ihren Festtag.  Vor allem aber für offene Herzen an jedem gewöhnlichen Montag, Dienstag, Mittwoch, der folgen wird, für keimende Saat und reiche Ernte.

Mit allen Sinnen

Attachment parenting, bindungsorientierte Erziehung, Montessori, Leben im Familienbett… Stöbert man ein wenig in der Bloggerwelt und handelsüblichen Ratgeberabteilungen, dann klingeln einem die Ohren von all den Erziehungskonzepten und Modellen. Alle sehr spannend, an allen irgendwie etwas Wahres dran, bewundernswert durchdacht. Irgendwo im Hinterkopf schwirrt auch noch Herr Winterhoff, der Mahner aller Eltern. Ist der noch en Vogue, oder schon längst wieder überholt? Keine Ahnung. Glücklicherweise wusste ich von all diesen Sachen nichts, als ich vor fast elf Jahren ins Erziehungsgeschäft einstieg, denn es hätte mich schlicht verrückt gemacht. Als ambitionierte Erstlingsmutter wollte ich vor allem Eines: das Beste für mein Kind und bloß keine Fehler machen, ein solcher Dschungel an Erziehungsentwürfen hätte mich endgültig verwirrt. Stolpere ich jetzt über solche Seiten, dann stelle ich erleichtert fest: interessant, aber es stresst mich nicht und so schnell lasse ich mir auch nicht mehr unter selbstgemachten Druck setzen. Der Gatte und ich leben und lieben Familie, aber wir erziehen unsere Nachkommen ganz munter ohne Konzept. Leben nach Anleitung stelle ich mir furchtbar anstrengend und schwierig vor und es ist einfach nicht unser Ding. Nichts desto trotz kristallisiert sich doch so etwas wie ein roter Faden im Laufe der Jahre heraus, Eckpfeiler, die uns im gemeinsamen Leben und Erziehen wichtig geworden sind, die uns als Familie prägen.

  • Hören. Jeden Tag, wenigstens einmal, will ich jedes meiner Kinder hören, nicht nur ihre zarten Stimmchen, ihr Geplapper und Getobe in der Symphonie des täglichen Familienkonzerts, nein, ich meine das genaue Hinhören. Ich frage nach, wie es geht und was gerade dran ist, hören wie und wofür ihr Herz schlägt. Manchmal beim Essenkochen, auf der Fahrt zur Musik oder Sportstunde, manchmal beim Bilderbuchlesen auf der Couch, manchmal erst am Abend auf der Bettkante. Manchmal dauert es nur fünf Minuten, manchmal braucht es ein langes Gespräch. So rutscht mir im Gewusel des Alltags keiner durch die Maschen und ich kann beruhigt Schlafengehen.image
  • Sehen. Ich sehe meine Kinder und alles was zu ihnen gehört, ihre unterschiedlichen Charaktere, ihre herausfordernden Eigenschaften und liebenswerten Seiten. Ich sehe den Gatten und mich selbst. Das gibt schon mal einen hübschen Einblick in die Vielfalt menschlicher Charaktere und ist manchmal ganz schön anstrengend. Umso wichtiger, dass wir alle einander sehen im Sinne von wahrnehmen, aufeinander Rücksicht nehmen und einander gelten lassen. In Familie kann sich keiner absolut setzten oder sich selbst zu wichtig nehmen. Das ist doch eine ganz gute Schule fürs Leben und seiner noch größeren Artenvielfalt.Ostern17II 052
  • Schmecken. Dreimal am Tag treffen wir uns rund um unseren Esstisch und essen gemeinsam. Klappt natürlich nicht immer, mittags fehlt der Gatte und der Große isst nach. Aber auch er sitzt nie allein am Tisch, immer leistet ihm jemand Gesellschaft. Wir sind beieinander, essen, erzählen, diskutieren und verlieren uns so nie aus den Augen. Damit es auch schmecken kann, legen wir tatsächlich Wert auf Tischmanieren. Gemeinsam anfangen, Bitte und Danke sagen, gerade sitzen, kein Rülpsen und kein Schmatzen. Und das ist wirklich mühseligstes Erziehungsgeschäft, immer und immer wieder. Irgendwo las ich neulich, das solche Höflichkeitsformen völlig überholt seien, da womöglich nicht aus tiefster Seele kommend und damit unehrlich. Sehe ich tatsächlich anders. Höflichkeitsformen erleichtern das gemeinsam Miteinander, ich grüße viel und gerne und bedanke mich auch für Sachen, die mir nicht gefallen, denn immerhin hat jemand an mich gedacht. Unsere gemeinsamen Mahlzeiten strukturieren unseren Tag, jeder darf auftanken und dann gestärkt an Leib und Seele wieder seiner Wege ziehen.image
  • Fühlen. Vielleicht das Wichtigste. Immer mehr lerne ich, auf mein Gefühl, auf mein Herz zu hören. Kinder im Elternbett? Für uns fühlt es sich richtig an. Deswegen gehen wir jeden Abend zu zweit ins Bett und wachen morgens in der Regel zu fünft wieder auf. Da brauchts  kein Konzept, es ist einfach so. In ein paar Jahren kommen sie von selbst nicht mehr. Das gilt für nahezu alle Lebensbereiche, für Schule und Konflikte, für Medienkonsum und Alltagsentscheidungen. Lockerlassen, auf die innere Stimme hören und darauf vertrauen, dass sie sich rechtzeitig meldet, wenn irgendetwas nicht richtig läuft.geburtstag-zwillinge-und-kommunionkinde4r-617
  • Riechen. Jede Familie hat ihren eigenen Stallgeruch und das ist doch ganz phantastisch. Wir untereinander können uns gut riechen, wir sind einander vertraut, fühlen uns beieinander  geborgen. Das ist das Urwesen von Familie. Und wenn wir einander mal nicht riechen können? Dann kracht es. Wir sind keine Konfliktvermeider, nicht in unseren vier Wänden. Der Gatte und ich sind normale Menschen, genau wie die Kinder und das dürfen die auch gerne wissen. Wir machen Fehler und irren manchmal. Jeder hat mal schlechte Laune oder vergaloppiert sich. Und dann entschuldigen wir uns, damit wir uns auch weiterhin gut riechen können.Ostern17II 056

Gemeinsam Familie leben- mit allen Sinnen. Diese Sinne sind uns von Gott gegeben und mir reicht das als roter Faden, mehr Konzept und Programm brauche ich nicht. Ich will darauf vertrauen können, dass er uns das nötige Rüstzeug zum Elternsein mitgegeben hat. Was ist euer roter Faden durchs Familienleben?

Vor und Nach

Schwups, da sind sie auch schon rum, die lang herbeigesehnten Ferien. Obwohl wir wenig unternommen haben, waren sie doch vollgestopft mit Eindrücken und Erlebnissen, mit Osterfeierlichkeiten und Krankheiten, mit Spielen und der Sichtung von Liegengebliebenem, mit Ausruhen und Durchschnaufen, mit Anlaufnehmen für die letzte Runde vor dem Sommer. Jetzt sind alle aus dem Haus und die eingekehrte Stille ist noch ein wenig ungewohnt, aber nicht unangenehm, keineswegs. Ich sortiere immer noch die Wäsche und die Gedanken der letzten Tage. Buntes und Weißes. Erlebtes und Gesehenes. Und stelle fest, dass

  • nach den Ferien eben auch vor den Ferien bedeutet. Der lange Sommer wartet um die Ecke und winkt uns unter zu Hilfenahme aller Feiertage schon mal freundlich zu. Sehr nett von ihm. Und damit kein falscher Eindruck entsteht: ich mag und brauche auch Alltag. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die meinen, dass das Leben nur an Wochenenden und im Urlaub lebenswert wäre, nein wirklich nicht. Aber das Wissen, dass nach intensiven Phasen auch wieder ruhigere kommen, dass nach der Arbeit eine Pause wartet, auf die Anspannung auch die Entspannung folgen darf, erleichtert doch manches und beruhigt ganz ungemein
  • nach dem Stopp vor dem Stopp ist. Am Wochenende reisten wir nach Bayern zur Erstkommunion unserer Nichte. Der Gatte hatte auf wunderbare Weise mitgedacht- er kennt uns halt doch ganz gut….und so weiß er, dass wir eher mittelmäßige Autofahrer sind. Wir werden schnell nölig, besonders diejenigen von uns, die unter zehn sind. Nach zweieinhalb Stunden Stopp in Pfortzheim, direkt an der Autobahn ein wunderschöner Wildpark, familienfreundlich, da man nur die Parkgebühr für das Auto zahlt. Danke! Picknick und zwei Stunden Ausgleichsauslauf und die Fahrt konnte  ohne Geheule weitergehen. Nächster Stopp: eine bayrische Stadt im strömenden Regen
  • nach dem Rumms vor dem Rumms ist. Wir bezogen die ausgewählte Jugendherberge, die auf ihrer Internetseite unter anderem mit Familienfreundlichkeit warb. Das ist sie nicht. Ein aberwitziges Schlüsselkartensystem, fehlende Ausstattung, Lärm und Gegröle über die ganze Nacht, der Charme eines Sechziger Jahre Kreiskrankenhauses zu echt saftigen Preisen. Um 18.15 Uhr teilte man uns lapidar mit, dass es das von uns zwei Tage zuvor telefonisch angefragte Abendessen nicht geben würde. Die Küche sei zu. Eine uns fremde bayrische Stadt, es schüttete wie aus Eimern, fünf übermüdete Kinder und Hunger. Nach einer halben Stunde fand sich der Ableger einer Pizzakette. Wahrscheinlich sah das Rudel nasser und hungriger Wölflein so erbarmungswürdig aus, dass die Bedienung uns auch ohne Reservierung einen Tisch zuwies. Und oh ja- es rummste. Der Gatte ist sehr langmütig und freundlich- da war er es nicht mehr. Das Entscheidende an der Episode: der Chef des Hauses war gar nicht da und nach zwei Telefonaten am Montagmorgen hatten wir eine Entschuldigung und einen Preisnachlass von fünfzig Prozent. Merke für den nächsten Rumms: die meisten Dinge lassen sich klären und wieder in Ordnung bringen, so lange alle Beteiligten gesprächsbereit bleiben. Wir würden zwar nicht mehr hinfahren, aber wir sind auch nicht mehr ärgerlich.
  • nach dem Verlust vor dem Gewinn ist. Als Sahnehäubchen für unsere grässliche Jugendherbergsnacht stellten wir fest, dass unser Jüngster seinen heißgeliebten Schnuller samt Schnullertuch unterwegs verloren hatte. Völlig übermüdet schlief er irgendwann ein. Die nächste Nacht zu Hause hatte er nur ein angebissenes Exemplar. Heldenhaft warf er es am Montag in den Müll. Mit Pipi in den Augen erklärte er mir: „Ich schaffe das!“ Erste Schritte sind ja meistens schnell und leicht gegangen. Gestern Mittag brach er weinend zusammen, überwältigt von Trauer und Schmerz. Weinend erklärte er mir: „ich schaff das nicht!“ Ich saß an seinem Bett, hielt seine Händchen  und litt mit ihm. „Doch“, sagte ich, „Doch. Du schaffst das. Jetzt hast du schon soviel geschafft“. Und siehe da. Gestern Abend war das Ding kein Thema mehr. Was für ein Gewinn! Wie oft klammere ich mich an Dingen fest, die mir scheinbar Halt und Trost geben? Anstatt auf die Stimme zu hören, die mir sagt: du schaffst das. Ich bin hier. Und ich lasse dich nicht allein.
  • nach dem Fest ist vor dem Fest. Wir haben das bayerische Erstkommunionkind gebührend gefeiert. Ich beobachtete mein Mädchen und wie ihr langsam die Erkenntnis dämmerte, dass es keine zwei Wochen mehr dauert, bis zu ihrem Festtag. Die Aufregung steigt. Auch bei mir. Letzte  Nacht um drei Uhr hatte ich plötzlich die Erkenntnis, dass es gar nicht auf all die hundert Details ankommt, die mein Hirn heißlaufen lassen. Für den Augenblick, auf den es an diesem Tag wirklich ankommt, sind Essen, Festtagskleidung, Geschenke und Gäste völlig unerheblich. Sogar wir Eltern. Der, auf den es ankommt, der macht das ganz ohne mein Einmischen. image

Immer und immer wieder stelle ich fest, dass jede Geschichte zwei Seiten hat. Oder drei oder fünfzig. Es gibt immer ein danach und ein davor. Nichts und niemand steht für sich allein. Ein riesiges Wimmelbild und ich werde nicht müde, es zu studieren.