Loslassen und Willkommen heißen

Also, wir irren und wirren weiter. Nur so lässt sich die sehr unregelmäßige Schreiberei hier überhaupt rechtfertigen. Gerade habe ich meinen Eintrag von letzter Woche nochmals gelesen und das waren doch wirklich weise Worte, hm tjaja. Ich muss mich nur selbst immer wieder daran erinnern. Meine Phantasie von einem schlichten, simplen September scheint nicht ganz Realität werden zu wollen, es will einfach keine Monatsgrenze für solche Zeiten geben.

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Aber letzte Woche saß ich früh am Morgen in einem Mainzer Cafe und frühstückte mutterseelenalleine. Mit Gratisblick auf den bunten Wochenmarkt und den Dom in der Morgensonne. Das war wunderbar, eine rare Fastunmöglichkeit und ich genoss dieses unverhoffte Stündchen in vollen Zügen. Gesellschaft leistete mir die neue Ausgabe der „Family“ und ihr wirklich spannendes Dossier zum Thema „Loslassen“. Ich versuchte mich also im Loslassen und las gleichzeitig ganz vielseitige Aspekte zu diesem Thema, eine Übung in Theorie und Praxis sozusagen. Das „Loslassen“ ist ja ein Dauerbrennerlebensthema, es kann gigantische Formen annehmen, wenn es um die ganz großen Lebensbaustellen geht, aber es gehört genauso in jeden kleinen Bereich deines Alltagsleben. Loslassen von Vorstellungen, Lebensentwürfen und falschen Hoffnungen, Loslassen von Kindern, dem Kram im Keller, der Idee vom simplen September, von der ungestörten Nachtruhe und einem Mittwochnachmittag ohne kranke Kinder. Vielleicht musst du dich auch nur von deinen Plänen für den heutigen Tag verabschieden oder von der Hose in Größe 36. Immer wieder müssen wir uns neu ausrichten, neu sortieren, hinterfragen und eben akzeptieren, dass unsere Vorstellungen und Pläne nicht das Maß aller Dinge sind. Allen Loslassprozessen ist gemeinsam: nur wer loslässt schafft auch Platz für Neues, Raum für Entwicklung, kann frohen Herzens andere Wege willkommen heißen. Das Leben ist freundlich zu seiner manchmal lernunwilligen Schülerin und bietet ihr gerade jede Menge Loslassübungen im Kleinen und im nicht ganz so Kleinen….

Ich habe an diesem Freitagmorgen meine alte Brille losgelassen und herzlich Willkommen zum neuen Modell gesagt. Ha, das war eine leichte Übung! Und ich bin nur kurz hysterisch geworden, als ich dachte sie hätten mir das neue Modell in einer falschen Sehstärke gefertigt. Plötzlich war alles so wahnsinnig scharf und deutlich. Lag dann aber doch nur an meinem überforderten Hirn und den zerkratzten Gläsern des alten Modells. Loslassen und neuen Durchblick haben….

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Jede Menge Gerümpel haben wir losgelassen und „Herzlich Willkommen Sperrmüll“ gerufen. Auch eine Übung, die mir leicht fällt und die jedes Mal als wahnsinnig befreiend erlebe. Mein Herz hängt nicht an Dingen, tatsächlich nicht und ich freue mich über den gewonnen Platz. Das Chaos aber, bis das Zeug dann endlich abgeholt ist…. Loslassen und neuen Freiraum habenP1080232

Unser Haus wird endlich, endlich!!! gestrichen und wir lassen mit frohem Herzen das 80er Jahre Ambiente los, das viele dunkle Holz und die verwitterte Fassade. Herzlich Willkommen neue Helligkeit…okay, auch keine schwere Übung sondern eine, die viel Freude bringt und die mich vor allem bestätigt. Mit vielen kleinen Schritten kommt man auch ans Ziel. Es muss nicht immer alles auf Anhieb perfekt sein. Gestern Abend meinte mein Großer:“ Siehst du Mama, so wird das Haus immer mehr zu unserem“ Da hat er wohl recht und wir arbeiten ja auch erst zehn Jahre daran. Tschüss hektischer Perfektionswahn.

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Dafür ist das Loslassen von unseren Zeitvorstellungen, die wir für dieses Projekt konkret hatten schon sehr viel schwieriger. Dauert alles viel länger, zwischendurch gab es einen längeren Stillstand und an mir nagt die Ungeduld. Was ja eigentlich blöd ist, denn auf eine Woche mehr oder weniger kommt es eigentlich nicht an. Loslassen und ähm, wieder ein Fitzelchen geduldiger werden.

Ich trage mich mit dem Gedanken, die Idee vom Familienbett auf freiwilliger Basis langsam loszulassen. Bisher waren mir nächtliche Besucher und Dauergäste nicht unwillkommen. Aber es wird eng, denn die Besucher wachsen. Mittlerweile wird es so eng, dass meine mangelnden Möglichkeiten eine Schlafposition zu finden mir echt fiese Rückenschmerzen bescheren. Selber gehen und ein freies Bett zu okkupieren ist keine Lösung- sie finden mich überall. Ich denke also über das Loslassen nach, aber eine Lösung ist mir noch nicht eingefallen. Ich habe bei den Beteiligten mal vorsichtig nachgefragt. Sie sind guten Willens, meinen aber, dass sie es nachts leider immer vergessen würden. Loslassen und….Schlafen??!

 

Meine Idealvorstellungen von unserem Alltag lasse ich nur schweren Herzen ziehen- zumindest für den Moment. Dieser Tage jammerte ich dem Gatten die Ohren vor, wie sehr ich auf einen normalen Alltag im September gehofft hatte. Und nun…!!! Der Gatte gab vernünftigerweise zu bedenken, dass alle „wenn…dann“- Szenarien wenig erfolgsversprechend und eher frustrierend seien. Wenn erstmal alles wieder normal läuft, dann… wenn es wieder ruhiger wird, dann…Erfahrungsgemäß ist ja immer was, was gerade irgendwie nicht normal ist… Alltag ist jeden Tag, egal wie irre. Loslassen und die Welle surfen….

Immer wieder und gerade jetzt muss ich (wieder mal…) meine Vorstellungen, von dem was ich alles können und leisten möchte, modifizieren. Wieder einmal drei Schritte zurücktreten von Instagram und co. Wieder einmal die eigenen Grenzen akzeptieren, die eigene Persönlichkeit, die eigene Geschichte. Loslassen und „Willkommen Dankbarkeit“ rufen, für alles was gelingt, für alle guten Begegnungen, für unsere ganz einzigartige Art Familie zu sein und zu leben (und nur so kannst du Familie leben- auf deine ganz einzigartige Weise, vergiss das nicht, wenn du deinen Instaaccount öffnest…)

Du siehst also- ich bin schwer beschäftigt mit loslassen und Willkommen heißen. Und ich erspare dir jetzt mal meine Phantasien von einem völlig entspannten Oktober…Aber einen gesegneten Sonntag wünsch ich dir, und ein paar gelöste Momente!

 

 

 

 

 

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Simply september

Herzlich Willkommen lieber September, was habe ich mich nach dir gesehnt! Ich weiß, es ist ein alter Schuh, aber September und Oktober sind nun mal meine absoluten Lieblinge im Jahreskreis und ich freue mich wie ein Kleinkind an Weihnachten. Endlich! Die Luft riecht anders, das Licht fällt anders, Vollernter rumpeln durch die Straßen, die Weinstöcke biegen sich unter ihrer Last, Farben über Farben und glücklich krame ich meine alte Teetasse aus dem Schrank, die ein verlässlicher, echter Seelentröster ist, aber bei 35 Grad im Schatten einfach zu nichts nütze. In der Sonne sitzen und sie genießen können, ohne Angst vor Sonnenstich und Hitzschlag ist doch einfach der Hammer! So fällt er mir sehr leicht, der Abschied vom Sommer, fast scheint es, als sei ich eine flatterhafte, untreue Person, wie ich so fröhlich mit dem September davon ziehe und dem Sommer, der uns doch so viele schöne Tage schenkte, kein Abschiedstränchen gönne.

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Aber mit dem heißen August sind wir ins Chaos gestürzt und nichts kann ich weniger gut aushalten, als das Gefühl von Chaos, lose, wirre Fäden, die ich zu ordnen suche, das Gefühl, überrannt zu werden. Da war (und ist…) der ganze Schulkladderadatsch, fieberheiße Scharlachkinder (hübsch hintereinander, sonst hätte man ja nichts davon), ein kaputtes Auto, das mich nötigte vier Tage alle Wege zu Fuß zu gehen und nölende Kleinkinder bei 32 Grad nach Hause zu lotsen, ein Haus voller Handwerker über Tage hinweg, ein weiterer Elternabend, der mich aus der Fassung brachte, Geburtstagsvorbereitungen und die allgemeine Weltlage. Keine Zeit zum schreiben, keine Zeit für Sport, keine Zeit für irgendetwas, zusammengeschnurrte Tage, die einen atemlos und völlig überdreht ins Bett sinken lassen, nur damit man schlaflos den Tag Revue passieren lassen kann.

Am Ende dieses irren Monats musste ich häufiger an meine wenigen (wirklich lächerlich wenigen) Hebräisch-Kenntnisse denken, an den einen Satz, den ersten der Genesis, in der alles ein einzig Tohuwabohu, ein Irrsal und Wirrsal ist. Es scheint wohl eine Gesetzmäßigkeit des Lebens hier auf Erden zu sein, dass es erst ein ordentliches Irrsal und Wirrsal braucht, bis die Dinge zu einer neuen, lebensfreundlicheren Ordnung finden, in der alles wachsen und gedeihen kann, in der Entwicklung möglich ist, in der wieder Licht wird und die Dunkelheit sich verzieht.

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Jetzt standen wir in den letzten Wochen natürlich nicht gerade am Rande der Urflut, aber es fühlte sich schon sehr nach Irrsal und Wirrsal an und wenn du durchs Chaos irrst, dann beschleicht dich irgendwann die leise Befürchtung, dass es ab jetzt für immer so bleiben wird und das ist ziemlich beängstigend. Denn manchmal kann man das Durcheinander nicht aus eigener Kraft bekämpfen, manchmal muss es einfach ausgehalten werden, weil die Umstände nun mal so sind, wie sie sind. Dann ist deine einzige Aufgabe, den Kopf über Wasser zu halten und zu üben, das Vertrauen nicht zu verlieren. Denn irgendwann wird aus dem heißen August September, irgendwann wird die Luft wieder klarer, irgendwann legt sich das Irrsal und das Wirrsal und etwas Neues ist entstanden. In unserem Falle werden Scharlachkinder wieder gesund, unser etwas in die Jahre gekommene 80er Jahre- Haus bekommt einen neuen Anstrich (und mein Herz hüpft wirklich jeden Morgen vor Freude, wenn ich in unser helles Wohnzimmer mit frisch gestrichenen weißen Fenstern komme), aus dem Schulkladderadatsch wird langsam Alltag mit Struktur, das Auto fährt wieder (und erfährt eine ganz neue Wertschätzung, das kannst du mir glauben).

Manche Dinge liegen noch immer im Tohuwabohu und ich fürchte, da werden sie auch noch eine lange Weile bleiben, in unserer kleinen Welt und in der großen Welt, außerhalb unserer geschützten vier Wände. Es braucht einen langen Atem, viel Geduld und vor allem Vertrauen in den, der das Licht in die Finsternis brachte.

An einem der letzten Samstag stand ich vor einem der schönsten Gebäude und Gotteshäuser, die ich kenne: dem Speyrer Dom. Der Speyrer Dom verkörpert für mich nicht nur ein Stückchen Heimat, nein, seine schlichte Schönheit zieht mich jedes Mal auf`s  Neue in seinen Bann. Groß, gewaltig und doch irgendwie simpel, schlicht, ohne Schnickschnack, einfach schön. Die warmen Farben der Steine, hell und freundlich, jeder Winkel voll von Geschichte und Geschichten- so mag ich es. Und während meine liebe Freundin meinem staunenden Tochterkind etwas über den Dom und seine Entstehungsgeschichte erzählte, dachte ich so für mich: wäre ich ein Gebäude, dann würde ich gerne so sein, wie dieser Dom. Schlicht, schnörkellos und trotzdem einladend, wärmend und freundlich. Nicht kühl modern, nicht munkelig dunkel und schon gar nicht überladen barock. Auch alles eindrucksvoll, ist ja klar, aber ich wäre lieber romanisch, dürfte ich es mir aussuchen. Und unser Leben wünschte ich mir in diesem Moment genauso. Romanisch schlicht.IMG-20180826-WA0004

Sehnsuchtsvoll denke ich immer wieder an dieses Gebäude, das so gar nichts von Chaos an sich hat. Aber seine Entstehungszeit, tja, die war echt turbulent. Alles braucht seine Zeit, alles hat seine Zeit.

Jetzt ist September. Simply September. Ich wünsche mir so sehr, dass es ein ganz romanischer September wird, schlicht und schön und simpel.

Und wenn du gerade mitten drin stecken solltest, im Chaos, und alles wirr und irre ist- halt aus. Es wird auch wieder heller werden und du bist nicht allein.

 

 

Krumme Karotten

Letzten Mittwoch, frühmorgens um 6.47 Uhr, stieg ich in unseren Vorratskeller hinunter um eine Flasche Saft für meinen kleinen Sohn hochzuholen, liebevolle Mutter, die ich nun mal bin. Zuvor hatte ich es schon geschafft das Bett zu verlassen,  öffentlichkeitstaugliche Kleidung anzuziehen und meine beiden Großen nicht nur mit Frühstück zu versorgen sondern auch rechtzeitig auf ihren Schulweg zu schicken (Fahrradschlüssel nicht vergessen? Fahrkarte nicht vergessen? Pausenbrote nicht vergessen? Sportsachen? Halt! Stopp! Hier steht ja dein Rucksack noch!!! Guten Tag und seid behütete!) Jetzt also Saft, für den Knaben, der um 6.45 Uhr festgestellt hatte, das sein herkömmliches Frühstück an Mittwochen ungenießbar sei. Kaum hatte ich die Saftflasche in der Hand, da machtes es auch schon einen großen Schlag und wie aus dem Nichts sauste eine Bierflasche erst auf meinen Fuß und dann auf den Boden, wo sie klirrend zerbrach. Sie war voll, das versteht sich natürlich von selbst, und überall ergoss sich das Bier.

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Mein erster Gedanke nach „Sch…“ war: „Hervorragend, dann wird das heute auch wieder so ein blöder Misttag!“ Ja wirklich, ich war mehr als bereit, morgens um 6.47Uhr den ganzen vor mir liegenden Tag in den Wind zu schießen, eigentlich hatte ich die ganze Woche schon als hoffnungslos blöd abgeschrieben- nicht nur wegen einer Flasche Bier.

Denn es war nun mal so, dass sich dieses Missgeschick nahtlos einreihte in all die anderen Missgeschicke, Kompliziertheiten, emotionalen Achterbahnfahrten und nervenaufreibenden Alltagswidrigkeiten. Ließ sich die erste Woche nach den Ferien noch wie ein wohliges Schaumbad an, krachten wir mit Beginn der zweiten Woche mit lautem Knall und äußerst unsanft auf dem Boden der Realität.

Ich sah in diesen Tagen die schlafmüden Augen meines großen Mädchens, dass morgens um 6.00Uhr, noch vom Adrenanlin des Anfangs aufgepeitscht, aus dem Bett springt und am Abend keine Ruhe finden kann, weil so viele neue Eindrücke und Herausforderungen auf sie einstürmen. Da waren verspätete Züge und solche, die ganz ausfielen, vergessene Fahrradschlüssel, ein kaputtes Auto, Trilliarden an Heften und Umschlägen und Hefter mit absonderlichen Lochungen, die besorgt werden sollten (aber bitte vorgestern, denn heute brauche ich es doch schon, ich hatte nur vergessen es dir zu sagen…und einen Zeichenblock Din A2, danke), das vergessene Einmaleins und Elternabende mit furchteinflößenden und ungemein ambitionierten Eltern, komplizierte mathematische Geschichten, jeden Tag Kopfrechnen und wirklich alle unregelmäßigen Verben, die Feststellung, dass bei diesen Mengen an Hausaufgaben ja fast gar nichts vom Tage übrigbleibt und der darauffolgende Tränensee, eine kurzzeitig verlegte Trompete, stapelweise Elternbriefe, die alle abgezähltes Kleingeld in Umschlägen fordern und Versagensängste und Geburtstagseinladungen und jede Menge Aufregung, hochkochende Emotionen und ziemlich viel Wäsche …..wie gerne würde ich sagen können, dass ich all diesem Irrsinn mit ruhiger Stimme, freundlicher Gelassenheit und liebevoll, ordnender Hand begegnet wäre. Souverän und jeder Zeit Herrin der Lage. Zumindest aber kann ich sagen, dass ich es versucht habe, ich war also stets bemüht- es ist mir halt leider nicht ganz gelungen und an diesem Morgen, in diesem Keller und mit nackten Füßen in einem Biersee stehend, tja da war mein Vorrat an Optimismus und zupackender Zuversicht schon mindestens 48 Stunden aufgebraucht. Blöde Mistwoche, alles fies, alles doof, ich mag nicht mehr, ich schmeiß hin, ich heule gleich selber, lasst mich doch alle in Ruhe!

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Um 7.12 Uhr hatte ich mich wieder einigermaßen im Griff und vertagte das Aufwischen der Bierlache auf den späten Vormittag. Ich erklärte der Perfektionistin und dem Kontrollfreak, die eine einträchtige Wohngemeinschaft in meiner Seele pflegen, dass sie jetzt einfach mal für eine Weile die Klappe halten sollten (ich erklärte es ihnen noch weitere 53 Male an diesem Tag und auch an allen folgenden. Der Gatte erklärte es ihnen unermüdlich jeden Abend an die 74 Male. Anfangs meckerten sie empört zurück, aber langsam wird das Protestgeheule leiser). Danach begab ich mich auf die Suche nach den schönen Dingen, dieser Tage und dieser Woche. Ist ja auch Lebenszeit, so eine Mistwoche, so ganz wollte ich sie nun nicht abschreiben, nicht einfach in die sprichwörtliche „Tonne kloppen“. Und es fand sich tatsächlich so einiges zusammen. Ein Lächeln hier und ein gutes Wort da, eine Runde am Abend durch die Weinberge, blauer Himmel und ein freundlicher Anruf. Kleine Spuren Alltagsglück im großen Durcheinander.

Am Freitagmorgen fuhr ich schließlich völlig übermüdet mit einer lieben Freundin in die Stadt, um mir eine neue Brille auszusuchen. Wir bummelten über den Marktplatz, plauderten über dieses und jenes und da war die Schönheit des Lebens und der Schöpfung in all ihrer Herrlichkeit! Farben, Vielfalt und Üppigkeiten im Schatten des Domes, soweit das Auge reichte. Mein Herz freute sich und mir kam allen Ernstes eine Sendung in den Sinn, die der Gatte und ich eine Weile gerne gesehen haben. Jamie Oliver kocht mit seinem besten Freund, hach ich höre doch das Englische so gern, und ein Teil der Sendung besteht darin, dass sie gegen die Verschwendung von Lebensmittel eintreten. Unmengen an krummen Karotten und schiefen Gurken und kleinwüchsigem Sellerie wird europaweit in die Tonne gekloppt, obwohl sie ansonsten tadellos sind. Absoluter Wahnsinn! Ich dachte daran, als ich durch die überquellenden Marktstände schlenderte, bunt und leuchtend.

Diese meine Tage sind wie eine Ansammlung krummer Karotten, schief und mit kleinen Auswüchsen nach rechts und links. Sie bestechen nicht durch Schönheit oder Makellosigkeit, aber sie sind intensiv, hochkonzentriertes, herausfordernd. Will ich sie wirklich wegschmeißen, verdrängen und gedanklich in die Tonne kloppen? Denn eigentlich gehören sie doch dazu, schmecken nach Leben, bergen durchaus Humoreskes, auf jeden Fall aber Stoff zum Wachsen und Entwickeln. Will ich wirklich Tage, gerade und absolut vorhersehbar, wie ein Beutel Supermarktkarotten, hübsch anzuschauen, aber irgendwie langweilig, und deutlich geschmacksärmer? Nein, will ich nicht. Nur manchmal. Ein Hoch den krummen Karotten!

Während ich wieder lerne, dass Krumme und Schiefe in unserem Leben zu bejahen, lichtet sich das Chaos ein wenig. Auch das letzte Heft ist angeschafft, ein paar neue Regeln haben den Weg in unser Haus gefunden (die Wichtigste zur Erleichterung aller: 18.30Uhr ist Feierabend für alle schulischen Belange, was dann nicht ist, wird auf morgen vertagt). Aber wir sind viele, es wird immer krumme Karottentage geben, dem Himmel sei Dank- schlussendlich.

Voll fies

„Das ist voll fies!!“- vor mir steht ein kleines Menschenkind, die Hände vor der Brust verschränkt, Stirn in Falten, Beine gespreizt und fest in den Boden gerammt, die Augen schießen wütende Blitze in meine Richtung. Ratlos schaue ich abwechselnd auf den menschgewordenen Vulkanausbruch vor mir und den Teller Nudeln mit Tomatensoße in meinen Händen. Mir schwant nichts Gutes, „voll fies“ kommt erfahrungsgemäß ungern alleine um die Ecke. Ahh, da folgen schon die Kumpels „immer…“ und “ niemals…“, ähnlich lautstark, wie ihr Lieblingsfreund bringen, sie gerne noch ein paar Tränen und eine große Portion Verzweiflung mit. Diesem Angriff hat nur wenig entgegenzusetzen, wer nichts weiter in den Händen hält, als einen Teller Nudeln mit Soße. Was tun, was nur? Eigentlich wollte ich diesen Teller nur an ein Geschwisterkind weiterreichen, mit dessen Hilfe der Teller den Weg zum Esstisch finden würde, wo wir in ursprünglich angepeilten zwei Minuten alle gemeinsam anfangen würden zu essen. Alle gemeinsam, wohlgemerkt. Zu früh gefreut. „Immer bekommt sie zuerst, niemals darf ich als erster Essen haben. DAS IST VOLL FIES!“ Vorsichtig und äußerst diplomatisch steige ich in die Verhandlungen ein, weise daraufhin, dass „immer“ und „niemals“ in diesem Falle nicht ganz richtig seien, es außerdem eh schnurz ist, wer zuerst seinen Teller bekommt, weil wir doch ohnehin alle gemeinsam…“ Meine Argumente verhallen ungehört, der Vulkan explodiert munter weiter und ich begehe einen schweren Anfängerfehler, mein knurrender Magen trägt die alleinige Verantwortung für diesen Missgriff. „Hier, bitteschön, dann nimm du eben diesen Teller und ich…“ „Mama!!!“, tönt ein schriller Schrei von hinten, „wieso darf er jetzt zuerst, warum? Immer darf er…, niemals….erst gestern…voll fies!!“ Ich lasse umgehend alle guten Absichten fahren, brülle entnervt: „Schluss jetzt!“ und trage alle Teller eigenhändig zu Tisch, als wäre ich die übellaunige, unterbezahlte Kellnerin in diesem Etablissement.

 

Oh, wie ich sie verabscheue, diese „niemals“ und „immer“, die aus nahezu jeder denkbaren Situation eine Hindernislauf mit Hinfallgarantie machen. Egal ob es um die genaue Anzahl von Gummibärchen, Butterkekse oder Vorleseminuten geht- es findet sich jemand, der sich ungerecht behandelt fühlt. Wen schnallt man im Auto zu erst an, wer darf vorne sitzen, wer darf zuerst ins Auto einsteigen, wem sagst du zuerst Gute Nacht und wer bekommt das letzte Stück Pizza? Wer darf auf den Schoß, und wer an die Hand? Wer darf mit Mama in die Stadt und wer wie viele Minuten fernsehen? Wieso bekommt der neue Socken, was hast du mir mitgebracht? Der Gatte und ich sind nette Eltern, jedes Kind soll sich geliebt, gewürdigt und auf gar keinen Fall ungerecht behandelt fühlen. Also zählen wir Gummibärchen und Butterkekse, schmeißen niemals eine Tüte Chips in die Runde, sondern befüllen kleine Schüsselchen, wir schneiden das letzte Stück Pizza in fünf winzige Fitzelchen und fahren mit gar keinem alleine in die Stadt, denn mit wem sollte man anfangen? Ich befülle jetzt erst alle Teller und lasse dann abholen, man stelle sich das mal vor. Wir wechseln ab und teilen auf, wir zählen und wiegen und messen und stellen ernüchtert fest: es geht nicht! Du kannst dir drei Beine ausreißen und alles geben, du kannst dich auf den Kopf stellen und mit der Gerechtigkeitsfahne wedeln, bis dir der Arm abfällt- es bleibt die Quadratur des Kreises, es haut einfach nicht hin. Du verausgabst dich nur völlig, wirst übellaunig und gereizt und bist nur ganz knapp davor zu schreien: „immer müsst ihr so…und niemals könnt ihr einfach…“

 

Wahre Gerechtigkeit gibt es leider erst im Himmel und bis dahin müssen die großen und die kleinen Menschen lernen, mit der Ungerechtigkeit des Seins zu leben. Und so habe ich beschlossen, meinen Erziehungsauftrag in dieser Hinsicht neu zu interpretieren. Anstatt einem Trugbild von absoluter Gerechtigkeit hinterher zu hecheln, möchte ich meine Kinder lieber lehren, ihren Frust auszuhalten. Das ist nicht einfach, denn ich muss ihn dann schließlich auch aushalten…. Wir müssen die gute alte Frustrationstoleranz wieder aus der Mottenkiste holen, tröstende Worte finden und hin und wieder die Ohren auf Durchzug schalten. Mühselig, aber langfristig gesehen, ist es eine Investition ins gute Leben. Es wird immer jemanden geben, der mehr hat, der klüger ist und schöner, dem scheinbar alles zufällt, der besser ist als ich oder schneller. Mann kann wirklich sehr viel Lebenszeit mit Unzufriedenheit und  Ungerecht-Behandelt- Fühlen verbringen, aber wie schade wäre das? Und wieviel besser könnte man diese Zeit nutzen? Wenn ich immer nur auf vermeintlichen Mangel und Ungerechtigkeit schiele, dann vermiese ich mir die Gummibärchen, die ich schon in der Hand halte. Es gibt schon zu viele Menschen, die sich beständig das Leben selbst vergällen, weil sie meinen, zu kurz zu kommen. Was nützt all das Klagen, wenn man es eh nicht ändern kann. Und ich hoffe doch schwer, dass meine Kinder nicht an meiner Liebe zweifeln, nur weil ich ihnen hin und wieder erst als zweites die Autotür öffne.

Aber eines ist bei aller Einsicht natürlich klar: Chips werden weiterhin nur in Schüsselchen serviert und Gummibärchen abgezählt. Alles andere wäre voll fies!

8 Dinge

Da sitze ich nun und bin ein wenig ratlos. Soll man nun froh und erleichtert sein, dass das Leben wieder in gesitteten und wohlgeordneten Bahnen verläuft, der Alltag sich mit Macht in den Vordergrund drängeln mag und Vanilleeis nicht länger eine ernstzunehmende Mittagessensoption bleibt? Oder ist es angebrachter in Wehmut und Melancholie angesichts dieses irgendwie völlig aus dem Nichts aufgetauchten Ferienendes zu verfallen? Am Ende der Ferien ist noch soviel Sommer übrig. Und er ist ein wenig überdreht, dieser Sommer nicht wahr? Und in seiner Überdrehtheit irgendwie sehr ansteckend und mitreißend, wie eine lebenslustige Partyqueen, die mit ihrem Strahlen und Frohsinn alle zu umgarnen vermag, selbst hartnäckige Eckenhocker dazu bringt, waghalsig mit der Hüfte zu wackeln, obwohl man schon ahnt, dass die Gute auf Dauer etwas anstrengend,  ein wenig zu laut und nervig wird. Also höchste Zeit für meine acht Dinge, an irgendetwas muss man sich ja festhalten können, meine Acht also, die mich erden in diesen, die Sinne verwirrenden Tagen

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  1. Ich gehöre definitiv zu den Menschen, die niemals achtlos die Chance auf ein hübsches kleines Drama ungenutzt an sich vorüberziehen lassen würden. Wellenschlagende Emotionen, hach da hebe ich ja gerne die Hand, nahe am Wasser gebaut, habe ich schon Zeit meines Lebens und mit jeder Schwangerschaft rückte die Hütte noch näher ans Ufer. Aber! Meine liebstes, großes Mädchen, dessen Schulwechsel uns schon ein wenig beschäftigt hat, die große Stadt, das Zugfahren, ganz alleine in eine fremde Klasse-  selbst der eher unaufgeregte Gatte war leicht in Wallung gebracht, also dieses wunderbare Mädchen hat das sich anbietende Drama mit einem Handstreich zur Seite gewischt, den Rucksack aufgeschnallt und ist einfach losgeradelt. Keine große Aufregung, kein Abschied mit Winken und Tränchen im Knopfloch, nur ein Kreuzchen durfte ich auf ihre Stirn zeichnen. Kein Drama in Sicht! Etwas pikiert ging ich ins Haus, um ein paar Betten zu beziehen. Zurück kehrte sie mit einem großen Beutel Schulbücher, einer neuen Freundin und der nüchternen Feststellung, dass Klasse und Lehrerin in Ordnung seien. Jaja, man kann viel lernen von den lieben Kleinen, ganz unbenommen.P1080023

2. Ein wunderhübsches kleines Halstuch habe ich mir in der letzten Woche gegönnt, und gegönnt heißt, dass ich es erstmal selber stricken musste. Und diese kleine Arbeit hat mir wirklich Freude gemacht, denn sie ging einfach von der Hand, an diesen schönen langen Sommerabenden, an denen noch keiner nach der Uhr und Zubettgehzeiten schielen musste. Die Wolle war ganz zart und leicht, keine schwitzigen Finger und quietschenden Nadeln. Es ist schön geworden, dieses Miniprojekt. Jetzt, da es fertig ist stellt sich nur ein Problem: ich bin so gar nicht pastell. Die zarten Rosa und Blautöne sind ganz zauberhaft, aber passen leider überhaupt nicht zu mir. Das ist wirklich keine neue Erkenntnis, aber hin und wieder lasse ich mich hinreißen, denn ich wäre manchmal so schrecklich gerne ein bisschen mehr pastell. Ich bewundere Frauen, die Pastelltöne tragen können, sie wirken immer passend gekleidet, ein wenig ruhiger und zarter, nicht im Sinne von unauffällig, aber doch harmonisch.

Macht nix, ich tröste mich mit diesem Rock, der ein echtes Schnäppchen war, mit leuchtenden Farben und gemustert, denn er passt zu mir und meinem etwas unruhigen Geist. Und mit der Erkenntnis, dass man auch in dieser Hinsicht nicht sein kann, was man nun mal nicht ist. Für das Tuch werde ich jemanden finden, der etwas pastelliger ist, als ich es bin.

3. Gewöhnliches Vollkornbrot backen, ein paar Gläser Pesto anrühren, Müslischalen auf den Tisch stellen, ganz alltäglich, ganz handfest, ganz unaufgeregt. Das ist sehr tröstlich und wohltuend nach den zwei Monaten Ausnahmezustand.

4. Heilige Stille. Rund um die Uhr Leben im Haus ist toll, bereichernd und man fühlt sich definitiv nicht allein. Aber es ist eben auch herausfordernd und anstrengend beständig ansprechbar und zur Verfügung sein zu müssen. Also genieße ich die Stille und höre mir selbst beim Denken zu.

5.Ich war anfänglich irritiert, dass ein neues Schuljahr beginnt, und nicht der leiseste Hauch von Herbst liegt in der Luft. Sonst riecht ein neues Schuljahr nach frischgekauften Heften und der Ahnung von Jahreszeitenwechsel. Neuanfang eben. Der Sommerstart hat auch sein Gutes. Die Schulen haben den Unterricht verkürzt und Hitzefrei anberaumt. Keiner muss schon zu Beginn Mützen und ähnlichen Kram suchen. Wir sommern auf Sparflamme einfach weiter und gewöhnen uns langsam an den Normalzustand.

6. Winzige Ernteerfolge lassen sich erstmals auch bei uns verbuchen. Das waren mindestens schon fünf Minitomaten, sogar essbar. Vielleicht ist auf dem Gebiet doch noch nicht alles verloren. Vor allem aber bangen wir um das Leben unseres einen Kürbis. Der muss es schaffen, ein ordentlicher Atlantic Giant Riesenkürbis zu werden. Die Zwillinge haben ihn gepflanzt und sorgen sich um sein Wohlergehen. Und ich sorge mich um das Wohlergehen meiner Zwillinge.

7. Ich bin so unendlich dankbar, für diese letzten sechs Wochen, für all die Fäden, die unser Familiennetz neu durchzogen haben, und die es immer mehr zu einem stabilen Auffangnetz in schwierigen Zeiten machen. Für die gemeinsame Zeit, für die vielen kleinen Begegnungen zwischen Küche, Pool und Gefriertruhe.  Nun gehen alle wieder ihre eigenen kleinen Wege, aber ich denke wir sind gestärkt für diese Wege, sonnensatt, herzensvoll und innerlich verbunden.

 

8. Und wo ich schon so dankbar bin, so lege ich noch ein Schippchen obenauf. Selten war mir so bewusst, wie gut es uns eigentlich geht. Große Hitze und trotzdem genug Wasser. Kein Waldbrand in Sicht. Eine Schule und ausreichend Bücher. Lernen dürfen, arbeiten dürfen. Ein Dach über dem Kopf und Arme, die uns halten. Auch keine neue Erkenntnis? Stimmt, wohl war. Aber manchmal muss man sie sich vor Augen führen. Das erdet auch ungemein.

Ja, am Ende der Ferien ist noch soviel Sommer übrig. Ich entscheide mich jetzt mal dahingehend, dass das eine äußerst gute Sache ist und feiere noch ein wenig mit dieser wilden, überdrehten Partyqueen. Nicht mehr ganz so dolle, natürlich. Aber für einen Absacker bleibe ich gerne noch ein Weilchen. Und falls du noch mitten drin steckst, dann wünsche ich dir eine ganz fantastische, segensreiche und erholsame Zeit!

Hast du es gemerkt? Nur acht und nicht die üblichen zehn. Hätten auch zehn werden können, aber ich muss jetzt mal die Kinder abholen, Essen kochen und so ein Kram. Wir sind hier schließlich nicht im Urlaub…

 

 

Ein kleines Plädoyer

Es sommert, dass es nur so kracht und ich sitze hier in unserem mittlerweile toskanisch anmutenden Höfchen und versuche ein paar klare Gedanken aus dem hitzeumnebelten Hirn zu wringen. Gar nicht so einfach, wenn um einen herum das pralle Kinderleben tobt mitsamt der Geräuschkulisse, die das pralle Leben eben so mit sich bringt. Es sind ja Ferien. Noch. Eine. Woche. Irre Vorstellung. Eine Rückkehr ins normale Leben scheint im Augenblick so realistisch, wie Mondwandern.. Wie soll ich es bloß den Kindern sagen? Weckerklingeln morgens um sechs? Kleidung tragen noch vor dem Mittagessen? Hausaufgaben und Vokabellernen? Feste Zubettgehzeiten? Och nö. Aber- eine Woche haben wir ja noch…kostbares, zähflüssiges und honigsüßes Ferienzeitgold.

 

Vor einigen Wochen saßen der Gatte und ich in einer Runde Erwachsener, die sich über Ferien im Allgemeinen und Urlaub im Speziellen unterhielten. Die Erwachsenen hatten gemein, dass sie alle Eltern von jeweils zwei Kindern, schon im Urlaub und sich darüber hinaus alle einig waren. Ihr einstimmiges Credo: Sommerferien sind eine völlig überholte und vor allem eine viel zu lange währende Einrichtung. Braucht kein Mensch und schaffen nur Probleme, vor allem Organisationsprobleme. Mit dem Urlaub hingegen hatte man gute Erfahrungen zu vermelden. Es gibt nämlich, halleluja, Kinderhotels, bei denen die Kinder direkt vom Zimmer per Aufzug in den Indoorspielbereich fahren können und damit den lieben langen Tag beschäftigt sind. Dauerbespaßte Kinder und unbehelligte, erholte Eltern. Und Bauernhöfe, auf denen der Bauer die Kinder betreut, ganztägig und wirklich gut gemacht (also eigentlich kein echter Bauer aber er fährt noch Traktor). Überhaupt war die Kinderbetreuung für die Qualität des Urlaubs von entscheidender Bedeutung. Wenigstens gibt es vor und nach dem Urlaub das städtische Sommerferienprogramm, von acht bis fünf, wie die Schule, immerhin, sonst wäre das ja alles nicht auszuhalten. Der Gatte und ich starrten angestrengt in die angrenzenden Weinberge und verabschiedeten uns alsbald, um zu unseren verwilderten Sommerkindern nach Hause zurückzukehren. Im Herzen hatte ich viele Fragezeichen.

Ich weiß natürlich, dass die Ferienzeit, gerade die langen Sommerferien, eine herausfordernde Zeit ist, besonders für Berufstätige in Organisationsnöten. Und nicht nur für die. Da ist Chaos im Haus und Unruhe, ständig fliegt irgendwo Zeug rum, keiner will Abends im Bett und damit geht auch jedes Feierabendgefühl flöten. Gefühlt kommt man zu überhaupt gar nichts mehr und ist trotzdem immer irgendwie beschäftigt. Sechs Wochen sind eine lange Zeit und es wäre ja völlig abwegig anzunehmen, dass diese Zeit komplett harmonisch und konfliktfrei ablaufen würde, nein, manchmal knallt es und manchmal ist da Genöle und Gegrunze, dass es zum Davonlaufen ist.

Und trotzdem ist dies mein Plädoyer für sechs herrlich lange, ausgedehnte und vor allen Dingen freie Wochen Sommerferienzeit.

Bitte nehmt euren Kindern den Sommer nicht weg! Lasst sie spielen und die Zeit vergessen, bis die Tage ineinander verschwimmen, ein Gefühl von Freiheit sich einstellt und der Horizont sich in die Unendlichkeit weitet. Traut ihnen etwas zu, ja auch Langeweile, und wartet ab und staunt was passiert. Ihr müsst nicht mit dem ersten Ferientag zu Bespaßungsrobotern mutieren, nicht jeden Tag verplanen und vollstopfen mit Aktivitäten. Lasst sie machen, lasst sie herausfinden, was ihnen Freude bringt.

 

Es muss doch eine Zeit geben dürfen, in der keine Pflicht die Seele schnürt, wo man in den Tag hineinlebt, völlig zweckfrei, einfach nur, weil das Leben schön ist. Und vielleicht kommt die Lust, etwas Neues auszuprobieren oder ein kleines Abenteuer zu erleben. Beim Zelten im Garten und beim Brombeerenpflücken irgendwo draußen. Beim Spielen an endlosen Sommerabenden, ganz ohne Zeitlimit, da wo aus Sommerluft, Chlorgeruch und Eisgeschmack die schönsten Geschichten und aus Sofapolstern perfekte Höhlen entstehen. Lasst ihnen die Zeit, sich neu kennenzulernen, Zeit um rein gar nichts zu tun, Zeit für Hörspiele und endlose Quatschgespräche, Zeit um zu lesen oder es eben zu lassen. Zeit, den leisen Stimmen der Phantasie zu folgen, die im Alltagseinerlei so schnell überhört werden. Hört auf, ihnen Bullerbü vorzulesen und lasst sie ihr eigenes Bullerbü entdecken. Ich habe hier einen vierjährigen Jungen, der morgens um acht beschloss, er müsse jetzt Pfeil und Bogen haben und am Nachmittag hatte er ihn, ganz ohne mein Zutun. Auch Geschwisterliebe braucht Zeit und Freiraum, um sich zu entfalten und sich immer wieder neu zu entdecken. Als der Bogen noch am selben Abend zerbrach, da baute er sich eine Angel daraus.

Lasst den Kindern die Sommer ihres Lebens, um wirklich zu wachsen und wirklich zu werden. Lasst euch die Chance, Zeit mit ihnen zu verbringen. Macht Urlaub miteinander und nicht voneinander, lasst los, die Idee von der perfekten Ordnung, die Angst vor dem Ungeplanten und  ein Stückchen auch das eigene Ego. Setz dich hinein, mitten hinein ins Sommergewimmel, mit einem Kaffee oder einem gutgekühlten Weißwein und genieße das Leben um dich herum. Ich bin mir sicher, dass es diese Sommer sind, die das feingewobene Netz des Lebens wie Goldfäden durchwirken, das Gold der Sonne und der Freiheit, von Gott geschenkt und unendlich wertvoll.

Sekunden und Stunden

Zu meinem Geburtstag hat der Gatte mir ein wunderbares Geschenk gemacht und mir damit einen riesigen Wunsch erfüllt. Er schenkte mir eine Armbanduhr, genau so wie ich sie mir erhofft hatte. Die Uhr ist toll. Sie sieht nicht nur, nach meinem Geschmacksempfinden, sehr schön aus und hübscht damit dekorativ mein Handgelenk auf, nein, sie kann mir auch ganz präzise sagen, wieviel Uhr wir gerade haben. Auf die Minute genau sogar. Sonst kann diese Uhr rein gar nichts. Herrlich. Sie misst nicht meinen Puls, informiert mich nicht über meinen Kalorienverbrauch, Blutdruck und Herzschlag, über zu wenig Bewegung oder mangelnde Tiefschlafphasen. Sie zählt nicht meine Schritte und konfrontiert mich nicht mit meinem Körperfettanteil. Sie will nicht mit mir sprechen und mich auch nicht dazu bringen mit anderen zu sprechen. Sie empfängt und verschickt keine Nachrichten oder e-mails, verbindet mich mit keinen sozialen Netzwerken, will mich weder optimieren noch manipulieren und sie nötigt mich auch nicht, irgendwelche apps  mit ihr zu besuchen oder gar meine Kinder per modischer Fußfessel rund um die Uhr zu überwachen. Sie ist was sie ist- eine ganz simple Armbanduhr. Ich liebte sie von dem Moment an, als sie aus ihrer Geschenkpapierumhüllung in meine Hände fiel.

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Seit Jahren war ich nicht mehr Besitzerin einer schlichten Armbanduhr, genau seit dem Zeitpunkt, als meine alte Armbanduhr das Zeitliche segnete und ich nur noch Handy bzw Smartphonebesitzerin war. Und ich dachte eine lange Weile lang, dass dies genug Besitz ist, um die Minuten und Stunden des Tages im  Blick zu haben. Deswegen hat man das flache Dingelchen ja auch überall dabei.

Kurz aus der Tasche gefingert und schon bist du im Bilde. Über die Uhrzeit. Und das Wetter. Die letzten fünf eingegangen e-mails. Ach- und das whats app Zeichen blinkt ganz hektisch, da schau ich nur mal schnell. Und natürlich kann man auch angerufen werden, das auch- vor allem im Notfall. Eigentlich wolltest du nur kurz wissen, wieviel Uhr es ist und schon erliegst du der Versuchung, den kurzen Rundumblick über das Weltgeschehen zu werfen. In kürzester Zeit bist du sehr viel schlauer, denn du weißt nun, dass an dem Ort an dem du gerade stehst, die Sonne scheint, dass B. Halsschmerzen hat und heute leider nicht zum Fußballtraining kommen wird, dass die Kinder von S., die du gar nicht persönlich kennst, weil sie am anderen Ende der Republik wohnt und du ihr Gesicht nur auf einem Instaprofil gesichtet hat, also deren Kinder fahren just in diesem Moment friedlich Bobbycar, man kann das auf dem Minifilmchen sehr gut erkennen. Deine eigenen Kinder schaukeln gerade, du kannst es sehen, wenn du nur den Blick von diesem blöden kleinen Bildschirm hebst. Vielleicht sollte man schnell ein Foto machen? Ist doch ganz zauberhaft, wie die da so schaukeln. Hashtag „livingwithkids“ oder „slowfamily“ oh, oder „enjoythemoment“.

 

Ich habe eine äußerst dezidierte Meinung zu dem ganzen Smartphonegedöns, zu Instagram und Facebook, zu Medienkonsum im Allgemeinen und im Besonderen, zu Pinterest-Irrsinn und dem Leben durch den Sucher einer Handykamera. Ich habe aber auch eine sehr dezidierte Meinung, was den Verzehr von Toffifee- Packungen im Ganzen angeht, und trotzdem….mein Geist ist willig, aber das Fleisch…

ich kaufe in der Regel keine Toffifee- Packungen mehr. Und ich lass das blöde Smartphone immer häufiger zu Hause, oder lege es auf die Fensterbank im Klo. Da sieht es mich nicht und ich sehe es auch nicht.

Ich schwöre ihm nicht ab, nein, natürlich nicht. Aber ein Zuviel ist schnell erreicht. Zuviel unnötige Informationen, zu viele Bilder, zu viel Betrieb auf allen Kanälen. Und schon ist auf der Festplatte deines Hirns und noch viel wichtiger, deines Herzens kein Speicherplatz mehr frei, für das, was wirklich zählt.

 

Ich will aber wirklich im hier und jetzt leben. Langsamkeit und Achtsamkeit sind nicht nur Modewörter, die schnell geschrieben aber kaum umsetzbar sind. Ich will die ungeschönte Wirklichkeit meines Lebens selbst erleben und gestalteten, ganz ohne Filter und Ablenkung. Zeit mit meinen Kindern und meinem Mann verbringen, mich auf das, was ich tue einlassen und darin die Gnade Gottes erkennen. Und wenn wir schaukeln, dann schaukeln wir. Wenn wir lesen, dann lesen wir. Und wenn wir essen, dann essen wir. Menschen und Begegnungen. Wenn ich sie wirklich erfassen und erleben will, dann muss ich mich auch ganz darauf einlassen, ganz ohne elektronische Krücke. Sehen, hören, riechen, schmecken, aus. Den warmen Sommerabend, der Geruch von Brot im Ofen, zankende Kinder und ein kleines Mädchen, auf der Suche nach Streicheleinheiten, ein neu entdecktes Lied, die lustige Geschichte, die ein Elfjähriger zu erzählen weiß, pickende Spatzen auf unserem Gartentisch. Mehr Sommer wird nicht, nie war die Gelegenheit günstiger, der virtuellen Welt ein wenig den Rücken zuzukehren und „hallo Leben“ zu rufen.

Willst du das große Glück in den kleinen Dingen finden, dann musst du dir für die kleinen Dinge auch Zeit nehmen. Auch auf die Gefahr hin, dass der Rest der Welt von diesem unverschämt glücklichen kleinen Moment nichts erfahren wird. Deswegen trage ich jetzt wieder eine Armbanduhr, die mich nicht an meine Unzulänglichkeiten erinnert.  Es gibt weniger Notfälle, als man so glauben mag. Und wer das Fußballtraining einer F-Jugendmannschaft an einem Mittwochabend besucht, ist völlig wurscht. Wenn du wissen willst, wie das Wetter ist, dann streck den Kopf zum Fenster raus. Da drüben wird eine Schaukel frei- da setzte ich mich gleich mal selber drauf.

Aus dem Nähkästchen

Hurra, wir sind wieder da! Und wenn einer eine Reise tut….

dann muss er erstmal packen. War, wie jedes Mal, eine Herausforderung der besonderen Art und dieses Mal wirklich für Fortgeschrittene. Da wir die Republik ja quasi fluchtartig am frühen Morgen des ersten Ferientages verlassen haben und vorher nahezu ununterbrochen mit Feiern und Verabschieden beschäftigt waren, gestaltete sich das Zusammensuchen des ganzen Krams ein wenig schwierig. Aber einen Profi kann nichts aus der Ruhe bringen. Vergessen habe ich nur die Socken für mein kleines Mädchen und ein paar Schlafanzüge. Aber ein bisschen Schwund ist ja immer. Interessanterweise hatte ich auch die „Pack- dir -was- zum- Spielen- ein“- Rucksäcke keiner eigenen Überprüfung unterzogen. Im Rucksack meines Jüngsten fanden sich ein T-Shirt, Socken für seine Schwester, drei Feuerwehrpflaster und vier Batterien. Das nenne ich vorausschauend Packen. Außerdem mit im Gepäck: Schulabschiedsschmerz, Übermüdung und ein paar Altlasten, mindestens ein überdrehtes Gehirn (nämlich meines), diverse Lebensfragen und einige Kümmernisse.

muss er erstmal losfahren. Unsere Reisegewohnheiten stoßen bei unseren Mitmenschen immer wieder auf, nun ja, Verwunderung. Aber für uns funktioniert es. Reist es sich zu siebt in einem Sharan ohne Dachbox, dafür aber mit jeder Menge Gepäck, bequem? Nein, natürlich nicht. Aber! Aber, man fährt ja in Urlaub! Etwas Tolles liegt vor der ganzen Familie, da sind ein paar Stunden beengtes Sitzen gut zu verkraften. Es ist immer wieder ein kleines Abenteuer und ziemlich lustig. So empfinden es auch alle Beteiligten. Ist man dann glücklich am Zielort angekommen, sind eh alle Strapazen vergessen. Damit die gute Stimmung während der Fahrt erhalten bleibt, bedarf es allerdings ein paar kleiner Vorbereitungen. Am Platz darfst du geizen, aber niemals am Essen. Essen in großen Mengen. Essen darf nie ausgehen (Gummibärchen und Zimtschnecken, hartgekochte Eier und belegte Brötchen, Kekse und noch mehr Gummibärchen). Hörspiele, Hörspiele, Hörspiele. Zur Schonung der eigenen Nerven und aus Rücksicht auf die unterschiedlichen Altersstufen verteilt auf drei mp3-Player. Als elterntaugliche Rundumunterhaltung erwies sich auf dieser Reise das Hörbuch „Miles und Niles“ gelesen vom großartigen Christoph Maria Herbst (lustig für Menschen ab acht).

 

Als hilfreich haben sich auch unsere traditionellen Reiseordner erwiesen. Die Idee dazu habe ich schon vor ewigen Zeiten bei Veronika  geklaut und insbesondere das Autobingo ist immer wieder der Knaller (vor allem, wenn jemand behauptet, er habe morgens um fünf im strömenden Regen ein Cabrio und eine Kuh auf der Autobahn gesichtet).

kommt er auch irgendwann an. In unserem Falle in Dänemark. Das Ferienhäuschen schmiegte sich in die Dünen und 500m weiter toste die wilde Nordsee. Es war genau das, was ich in diesem Jahr dringend brauchte. Ich räumte die Klamotten in die Schränke und packte meine Ferienliste aus. Dicke Bücher wollte ich lesen, Socken stricken lernen und mindestens drei Paar stricken, ganz viel schreiben, mich ausreichend bewegen und mich hingebungsvoll meinen Kindern widmen. Und meinem Mann. Hmm. Es dauerte ein Weilchen, aber dann warf ich die Liste auf den gedanklichen Misthaufen. Und tat nur noch, wozu ich wirklich Lust hatte. Das war erstaunlich wenig. Das Meer und die Dünen, der Wind und die Weite halfen beim anfangs schmerzhaften Gesundschrumpfen. Die mitgebrachten Kümmernisse und Altlasten plumpsten irgendwann in die stürmischen Wellen. Nichts erdet mich mehr, als die gottgegebene Urgewalt des Ozeans.

 

kann er sich neu ausrichten. Neue Perspektiven. Andere Blickwinkel. Ich liebe ja Familienurlaub, nicht nur wegen der gemeinsam verbrachten Zeit, sondern weil man jeden Einzelnen der Sippe an einem anderen Ort unter anderen Umständen und mit der nötigen Zeit auch neu kennenlernt. Mit einem Zwölfjährigen wirklich im Gespräch zu bleiben, zu erahnen, was ihn wirklich bewegt und umtreibt, über die Schule und das Übliche hinaus, ist im Alltagsgewusel und an vollen Schultagen gar nicht mal so einfach. Hier war die Gelegenheit. Den eigenen Mann. Die Kleinen und die Großen. Neue Beziehungen durften wachsen. Mit einem viereinhalbjährigen Bruder kann ein beinahe Drittklässler plötzlich richtig gut Fußball spielen. Stundenlang. Gemeinsam das WM -Aus beweinen, Schwesternliebe, ganz inniglich. Die Kinderschar mischt sich. Alte Streitigkeiten und neue Gemeinsamkeiten. Und manches Altbewährte trägt und verbindet uns immer noch oder immer wieder neu. Vorlesen. Spielen. In der Sonne sitzen und Quatsch machen. Schaukeln. Gutes Essen.

 

erweitert den Horizont. Neues Land, neue Elemente, fremdes Essen, einfach anders als gewohnt. Das hält die Hirnwindungen geschmeidig und das Herz beweglich. Da glaube ich ganz fest dran und das gilt für alle Altersklassen. Außerdem war ja mehr als ausreichend Zeit für neue Bücher und neue Spiele. Meine Lektüreversuche sind allerdings komplett fehlgeschlagen, deswegen liste ich sie gar nicht erst auf. Macht nix. Da meine Vorliebe für gute Kinderbücher ähnlich ausgeprägt ist, wie die für Malteserschokokugeln, kam ich trotzdem voll auf meine Kosten. Untrügliches Kennzeichen eines guten Kinderbuches ist es, wenn nicht nur der Adressat sondern alle plötzlich gebannt hören (sogar der Gatte und der Teenie). Dieses Mal hatten wir gleich zwei Volltreffer im Gepäck: den extra aufgesparten dritten Band von Pudding Pauli und „Anton braucht Mut“. Wir mochten auch schon „Anton hat Zeit“ und die Fortsetzung ist mindestens ebenso gelungen. Absoluter Spielfavorit selbst schon für unsere Kleinen war die „Mogelmotte“ und endlich können wir zu mehreren Canasta spielen.

 

wird er trotzdem älter. Aber am Geburtstagsmorgen meine sechs Lieblingsmenschen, einen Erdbeerkuchen und dann auch noch Kaffee in meinem Bett vorzufinden, verhalf mir umgehend zu der Erkenntnis, dass ich wirklich reich beschenkt bin. Reicher geht nicht.

 

kommt hoffentlich froh nach Hause. Oh ja, wir sind wieder zu Hause. Und froh sind wir auch. Angefüllt mit neuen Eindrücken und viel frischer Luft. Aber vor allem auchdankbar. Dankbar für eine schöne, gemeinsame Reise und dankbar für das Zuhause, in das wir unheimlich gerne zurückgekommen sind. Und natürlich dankbar dafür, dass wir noch vier lange Wochen Sommerferien vor uns haben.

 

dann kann er was erzählen. Nun, da habe ich mich wohl ein wenig verplaudert. Aber vielleicht hast du deine Reise ja noch vor dir…und freust dich schon ganz arg. Lass bloß deine Liste zuhause. Und wenn nicht, man kann ja auch das eigene Daheim neu kennenlernen. Das werden wir jetzt tun. Es sommert….

Zur Feier dieser Tage

Also, wir kommen aus dem Feiern gar nicht mehr heraus, die Festchen reihen sich aneinander, wie die Perlen auf einer Schnur. Während große Teile der Republik sich noch den Pfingstferienschlaf aus den Augen reibt, die erholten Glieder reckt, um sich doch hoffentlich enthusiastisch und bienenfleißig in den verbleibenden Teil des Halbjahres zu stürzen, klopfen bei uns schon die Sommerferien an die Tür. Die Tage und Wochen davor liefern sich, wie in jedem Jahr, einen unfassbar albernen Zickenkrieg mit der Vorweihnachtszeit, wer wohl die festlichste, terminüberladenste und trubeligste Zeit des Jahres sein darf. Ich schätze, dieses Jahr gewinnt der Sommer. Wir feiern Klassenfeste, Kindergartensommerfeste, Geburtstag in allen Varianten, Hoffeste, Schulfeste, Einschulung (jaja, was man vor den Ferien kann besorgen….), Ausschulung- manchmal gleich mehrere Feste an einem Tag. Und wenn sich die Sippe nicht gerade um irgendeinen Grill schart, dann findet man den Nachwuchs unterwegs auf Ausflügen, in Museen, römischen Villen oder Vergnügungsparks. Das ist alles wunderschön und alles wunderschön anstrengend. Der Mensch verträgt nur ein gewisses Maß an Bratwürsten und gebackenem Schafskäse und ich habe ständig Angst, aus Versehen vor dem verkehrten Grill zu stehen oder das falsche Kind dem richtigen Ausflug mit zu geben. Und Fußball hat noch gar nicht angefangen!

 

Wenn wir uns nicht gerade von Fest zu Fest futtern, dann findest du mich in der Küche, wo ich für das nächste Fest….naja, du weißt schon….oder ich scheuche die Kinder den Kirschbaum hoch, der voll mit süßen, roten Kirschen hängt, über und über. Natürlich wollte ich clever sein und brachte zum Samstagsgrillfestchen eine Schüssel der prächtigsten Kirschen mit, aber da standen schon drei andere und wir nahmen unsere wieder mit, hmpf.

 

Und dann merke ich plötzlich, in all dem Trubel, wie mein Herz nach Ruhe ruft, nach einer Pause, um all die Begegnungen und Treffen überhaupt sortieren zu können, nach Langsamkeit und ein bisschen Stillstand in dieser veränderungsreichen Zeit. Denn plötzlich ist mein Mädchen zehn. Plötzlich schulen wir sie schon um, ist die Grundschulzeit hier in unserer überschaubaren kleinen Stadt für sie vorbei, werde ich zusehen, wie sie die große Stadt für sich entdeckt und sich ganz neue Welten öffnen (hatte ich nicht gerade, vor kurzem, es ist doch noch gar nicht lange her, eine Schultüte genäht und…)

Auf einen Schlag merke ich, wie groß diese Kinder werden, um wie vieles selbständiger sie schon sind und das es wieder mal an der Zeit ist, ein Stückchen loszulassen. Ich bin ganz schlecht im loslassen. Dieser Tage räumte ich die Geburtstagskerzen zurück in den Schrank und jammerte dem Gatten vor, dass der liebe Gott da irgendwo einen grässlichen Fehler eingebaut hat. Er legt dir so ein winziges Würmchen in die Arme, so dass dein Herz sofort rettungslos verloren ist und dann darfst du dich Jahr um Jahr ein bisschen weiter verabschieden, loslassen, was dir am liebsten ist und einsehen, dass es dir nun mal nicht gehört. Kannst du in den ersten Monaten aus dem Stand heraus einen abendfüllenden Vortrag über jeden quersitzenden Pups deines Kindes halten, ist das ein paar Jahre später nur noch schwer möglich. Mit jedem Jahr wächst der ureigene, private Raum des kleinen Menschlein und der will respektiert werden. Vertrauen ist gefragt und- Loslassen. Der Gatte tröstete seine aufgelöste Frau und versicherte ihr, dass die Kinder uns nicht abhanden kämen. Es würde eben nur anders und das ist ja nicht verkehrt. Gott sei Dank fiel mir zwischendurch wieder ein, dass Zehnjährige ja nicht direkt ausziehen. Ein bisschen wird es wohl noch dauern.

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Aber- zur Feier dieser Tage, zur Feier des Sommers und der Stunden, die er uns schenkt, zur Feier des Wissens, dass es eben nicht unendlich viele Sommer mit den Kindern geben wird, gehe ich in Sommerpause, für die nächsten vier Wochen. Ich werde weiter gegrillten Schafskäse futtern und rote Kirschen. Stundenlang „Verliebt, Verlobt, Verheiratet“ auf der Straße spielen und Federball, in Urlaub fahren und im Herzen ein wenig loslassen üben. Ich werde dicke Bücher lesen, bei jedem WM-Spiel mit meinem Zweitklässler mit fiebern und Muscheln sammeln gehen. Nur mit der Hand schreiben, ganz altmodisch, auf Papier, Canaster zocken und Zeit haben, für die, die mir für eine Weile anvertraut wurden. Im hier und jetzt, im realen Leben.

 

Oh, zur Feier des Tages gab es ja auch eine Verlosung! Ein herzliches Dankeschön für jeden einzelnen Kommentar, denn ich habe mich wahnsinnig gefreut. Die Ziehung wurde natürlich ordnungsgemäß von einem unabhängigen Institut durchgeführt und das Päckchen darf in die Schweiz zu Sonja reisen! Viel Freude wünsche ich ihr damit!

 

Und dir wünsche ich einen herrlichen Sommer, genieße ihn, lasse es dir gut gehen und sei behütet! Bis bald!


 

Salz und ein Gewinn

In unserem wirklich kleinen Städtchen gibt es ein kleines Kaufhaus, mitten im Ortskern, genau da, wo man gut sehen kann, dass das Städtchen eigentlich ein Dorf ist. Natürlich gibt es ums Städtchen herum all die einschlägigen Geschäfte auf der grünen Wiese, die es ja eigentlich überall gibt, Discounter neben Discounter neben Supermarkt neben Drogerieprodukten und noch mehr Drogerieprodukten. Alles da. Aber im Herzen des Ortes ein Kaufhaus. Vielleicht möchtest du ein bisschen in der Geschenkeabteilung kramen oder eine neue Teesorte ausprobieren? Vielleicht suchst du aber auch nur zwei Schrauben und genau einen Nagel in der richtigen Größe, kein Problem, gehe zweimal um die Ecke und hinten rechts wird dir jemand weiterhelfen. Oder du brauchst ein Buch, ein Päckchen Playmobil, ein Kindergeburtstagspräsent, einen Rat bei der Auswahl eines Brettspieles, zwei Bleistifte oder doch einen neuen Schulranzen? Vielleicht ein Knäuel Wolle, eine neue Klobürste oder Bastelinspirationen? Lieber eine Bohrmaschine? Was auch immer du suchst, die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch, dass du es hier findest und falls nicht, dann frag einfach nach. Als wir vor fast zwölf Jahren hierher zogen, wurde uns schon von Ortskundigen angekündigt: „Was du da nicht findest, findest du im ganzen Ort nicht.“ Vor allem findest du hier immer ein nettes Wort, einen freundlichen Gruß und geduldige Hilfsbereitschaft, ein echtes Familienunternehmen, Salz in der Suppe der Gemeinschaft.

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Ich werde mich hüten und anfangen, auf die großen Internetriesen zu schimpfen, denn viel zu oft nehme ich ihre Dienste in Anspruch. Aber es sind Orte, wie dieses kleine Kaufhaus, die Städtchen und Dörfern ein menschliches Gesicht geben, wo man deinen Namen kennt und ein echter Mensch dir weiterhilft. Wo Einkaufen immer mit einer Begegnung verknüpft ist und du spürst, dass das Leben an einem Ort eben auch Leben in einer größeren Gemeinschaft ist, dass du nicht alleine durch dieses Leben gehst und persönliche Ansprache ein Grundnahrungsmittel ist, dass zur Gesunderhaltung dringend nötig ist. Die Bäcker und Metzger, das Handarbeitslädchen und die Frau in der Apotheke, sie alle sind das Salz in der Suppe der Gemeinde, auch an deinem Ort. Also besuch sie doch bitte, wenn es irgend geht, damit sie bleiben.

In diesem kleinen Kaufhaus bekam ich vor ein paar Monaten ein kleines Pröbchen von ganz wunderbarem Kräutersalz zugesteckt (siehst du, Pröbchen! Pröbchen!) und war noch am selben Abend beim Essen schwer begeistert. Und weil ich so begeistert war und das Salz außerdem den Namen meiner noch wunderbareren Tochter trägt (ich weiß nicht genau, was das ist, aber da hakt sofort irgendetwas aus, bei mir)  habe ich es gekauft. Und zwar mehrfach, um es zu verschenken. Die bis hierher Beschenkten sind genauso begeistert, wie ich. Ein Händchen davon übers Ofengemüse, an die Nudelsoße oder in den Joghurt und schwups- lecker! Der Sommer ist, kulinarisch gesehen, auf jeden Fall gerettet. Wäre ich doch von alleine nie drauf gekommen.

 

Dieses kleine Blogeckchen hier, das auf ganz eigene Weise für mich Salz in der Suppe geworden ist, wird nun schon zwei Jahre alt. Ich freue mich sehr darüber, über das Schreiben dürfen, über jeden Leser und über jeden Kommentar. Wieviel tolle Bekanntschaften durfte ich auf diesem Wege schon machen, wie sehr bereichert es mein Leben. Danke! Und weil ein Blog ohne Leser natürlich eine etwas schale Angelegenheit wäre, möchte ich als Dankeschön tatsächlich auch mal etwas verlosen. Eben dieses Kräutersalz natürlich, ich habe nämlich noch ein Päckchen übrig. Und ich lege noch etwas zum Trinken und etwas Süßes dazu, damit die Sache rund wird. Hinterlasse mir doch einfach einen Kommentar und am Sonntag, 10. Juni, wird gelost. Vielleicht hast du Glück und bekommst ein Päckchen von mir!

Bis es soweit ist, vertreibe ich mir die Zeit mit jeder Menge Festvorbereitungen. Geburtstag, Klassenfeste, Ein und Ausschulungen- Feste sind ja auch ein bisschen das Salz in der Familienalltagssuppe, da muss man nur aufpassen, dass man nicht Zuviel auf einmal abbekommt….aber sonst ist es sehr lecker.