Verborgene Welten

Vor einigen Wochen waren der Gatte und ich abends auf der Suche nach medialer Unterhaltung, was sich recht schwierig gestaltete, denn es sollte kurz vorm Schlafengehen bitte ohne Mord, Gemetzel, psychotischen Ermittlern und halbabgedunkelten, düsteren Großstadtszenerien sein (ich bin da ein wenig dünnhäutig von Zeit zu Zeit).

Hängen blieben wir schließlich bei Netflix und einer Reihe, die den Namen „brain game“ trägt. Lustige Sendung von der BBC, man darf als Zuschauer Spielchen mitspielen und sich wundern, was dabei herauskommt. Unsere Folge war zum Thema „Farben“ und wir hatten echt Spaß. Plötzlich gab es eine kleine Mitmach-Aktion, bei dem uns beiden zeitgleich die Kinnlade runterklappte. Fassungslos schüttelte ich den Kopf, der Gatte neben mir rief: „Das gibt es doch gar nicht!“. Am nächsten Abend saßen wir wieder vor dem Fernseher, dieses Mal mit unseren drei Großen. Selbe Sendung, lustige Mitmach-Spielchen, die Kinder amüsierten sich und dann das besagte Spiel vom Vorabend. Unsere Kinder erstarrten nahezu zeitgleich, dann ein dreifaches „hä!!??“ und kriegten sich hinterher kaum noch ein. Willst du wissen warum?

In der Sendung wurde eine gelbe Blume gezeigt, ein bisschen wie Löwenzahn, wächst in jedem ordentlich unordentlichen Garten, hübsch anzusehen, gelb eben. Alle schauen sich brav die Blume an. Und dann siehst du die selbe Blume, aus der Sicht einer Biene. Und das ist der absolute Hammer. Die Blume ist nur für uns Menschen gelb. Die Biene guckt irgendwie infrarot und sieht eine bunte Blume. In der Mitte, also da wo die Biene den Nektar finden soll, ist sie sogar qietschlila, ein farbiges Hinweisschild sozusagen. Die Blume ist vieles, aber nicht ausschließlich gelb. Innerlich ging ich wiedermal in die Knie vor der Genialität der Schöpfung. Und uns allen ging an diesem Abend ein gewaltiges Licht auf: die Welt, so wie wir sie sehen, ist nur eine von vielen.

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Die Welt der Biene ist genauso real und sieht doch ganz anders aus. Könntest du einen Hund fragen, so würde er dir Stein und Bein schwören, dass es so etwas wie Farben gar nicht gibt. Er sieht nämlich nur schwarz-weiß. Irre, oder?

Seit her frage ich mich ja ständig, bei jedem Gewächs und jedem Gesträuch, ob das nun wirklich so aussieht oder doch vielleicht ganz anders?

Auch wenn ich mir ganz viel Mühe gebe, so kann ich die Welt doch nicht mit den Augen einer Biene sehen. Aber zu wissen, dass es eben auch eine andere Ansicht der Dinge gibt, und dass diese nicht weniger richtig ist, als meine eigene, flößt mir eine Menge Respekt ein.

Und ich denke mir, dass ich gar nicht weit gehen muss, um auf andere Weltsichten zu stoßen, die genauso da sind und irgendwie auch genauso wahr sind, wie meine eigene. Nur bis zu meinem allernächsten Mitmenschen, schwups: eine andersfarbige Welt und doch nicht weniger real. Da kommt in unserem Haushalt ein hübsches Sümmchen an Weltenfarben zusammen und die Welt in den Augen eines Vierjährigen sieht ganz anders aus, als die der vorpubertären beinahe Teenies und wieder anders als die einer vierzigjährigen Frau. Die Introvertierte sieht die Welt anders als der Extrovertierte, die Nachtigall anders als die Lerche.

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Zugegebenermaßen finde ich die Weltsicht meiner Kinder manchmal ganz schön rätselhaft, ich gerate häufiger mal in Missverständnisse oder kuriose Situationen und je älter sie werden, desto schwieriger wird es und oft genug suche ich nach dem richtigen Schlüssel. Plötzlich sind Dinge peinlich, ohne ersichtlichen Grund. Manche Dinge sind total unfair, warum auch immer. Manchmal muss jemand müde und traurig sein, ohne äußeren Anlass, obwohl draußen die Sonne scheint. Ein Essen, das gestern noch schmeckte, kann man heute nicht mehr essen. Warum darf man nicht mehr mit Freunden telefonieren, sondern nur Nachrichten schreiben? Wieso ist das eine T-Shirt tragbar und das andere nicht? Warum ist etwas in einer Sekunde lustig und in der anderen eine Kränkung? Und wieso ist Schmutz und Unordnung in ihren Augen unsichtbar?

Und mir dämmert: wir können immer nur versuchen zu verstehen, wie ein anderer die Welt sieht, aber genauso sehen können wir sie eben nicht. Biene bleibt Biene, Mensch bleibt Mensch und in meinem Fall bleibt Sandra eben Sandra. Zu wissen, dass meine Sicht der Welt nicht das Maß aller Dinge ist, ist ja schon mal eine hilfreiche Erkenntnis, es entlastet und erklärt so manches. Und auch wenn mir manches rätselhaft, fremd oder nicht nachfühlbar erscheint, so will ich es doch so weit wie möglich respektieren, kann ich  immer freundlich rüber winken, einen Gruß schicken und sagen: ich bin für dich da, ich denke an dich und lasse dich nicht allein. Ich muss gar nicht alles verstehen, alles begreifen, alles nachvollziehen. Jedes Wesen hat wohl ein Recht, auf seine eigene Rätselhaftigkeit, gerade auch die eigenen Kinder. Denn auch wenn ich die Welt nicht so sehe, wie du, so leben wir doch alle in ein und der Selben. Macht das Ganze ja auch spannend und unterhaltsam, in unserer kleinen Familienwelt und in der großen Welt drumherum.

Ich gehe jetzt, und pflanze ein paar Blümchen für die Bienen, ich vertraue darauf, dass es einen gibt, der alle Farben sieht und alle Facetten kennt.  Und backe bunte Kekse.

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Die Zahlen einer Woche

Anzahl der…

  • zubereiteten Mahlzeiten: 14 (exklusive Frühstück), davon ohne Maulen von irgendeinem Beteiligten verzehrte Mahlzeiten: 3
  •  geschnittenen Fuß- und Fingernägel: 120
  • aus dem Schrank gefallener Salzpackungen im geöffneten Zustand: 2
  • geschlichteten Geschwisterstreitigkeiten: ca 372
  •  gebackenen Brote: 4
  •  gemachten Betten: 49
  • erhaltenen Küsse von Personen unter 18 Jahren: ca 827
  • überlebte tätliche Angriffe durch umherliegende Lego und Paw Petrol Figürchen: 57
  • abgehörter Lateinvokabeln: 35
  • unfreiwillig angehörter Bundesligaspiele: 2
  • aufgesammelter Wäschestücke mit definitiv fehlendem Wohlgeruch: 4 Körbe
  • Fahrten als Kindertransportunternehmen: 68
  • gekaufter und erschütternderweise auch verzehrter Lebensmittel: 1 Kofferraum voll
  • der Informationen darüber, dass ein Junge mit Namen E. fünf Jahre alt wird und man nun endlich zu dessen Party gehen möchte: 728912
  • Waschmaschinenladungen: 8
  • Aufwischen von umgeschütteten Gläsern während einer Mahlzeit: 12
  • unterdrückter Flüche: 8723
  • rausgerutschter Flüche: 14 (ungefähr)
  • verbrauchter Liter Milch: 10
  • getoasteter Toastscheiben: 40, davon verbrannt: 7
  • vorgelesener Bilderbücher: 21
  • gesungener „heile, heile Gänsje“: 18
  • geschmierter Pausenbrote: 25
  • gelaufener Treppenstufen: 1 Milliarde (schätzungsweise)
  • Tassen mit frisch gekochtem Tee: 54, davon tatsächlich getrunken: 25
  • Segenswünsche: nicht zählbar
  • der Diskussionen, was unter „T-Shirt-Wetter“ zu verstehen ist: 375
  • der Diskussionen, wann man von „Poolwetter“ sprechen kann: 213
  • geschriebener Worte: ca 300
  • gedachter, kluger und witziger Worte, die aus Zeitmangel nicht aufgeschrieben werden konnten und damit der Menschheit tragischerweise für immer verloren gehen: 320000
  • Ermahnungen der Art „Hände hoch, Ellenbogen runter“, „Nicht schmatzen“ und „Gerade sitzen“: zu viele
  • geputzter Toiletten: 14
  • abgefragter Einmaleins -Reihen: 59
  • still auf dem Bänkchen gesessenen Minuten, um Sonne zu genießen: 85 (ha!!)
  • Selbstzweifel an mütterlichen Fähigkeiten: 2615
  • Fahrten um vergessene Fahrradschlüssel hinterherzutragen: 6
  • tröstender Worte: 1718 (schätzungsweise)
  • Umarmungen ca 2000
  • Anzahl der korrigierten Rechtschreibfehler (exklusive meiner eigenen): gefühlte 2 Millionen

Hmm. Bei Licht betrachtet sind diese Zahlen nicht besonders spektakulär. Zwischen diesen Zahlen tobt das pralle Leben. Und das ist schon ziemlich spektakulär, finde ich.

Träume!

Homer Hickam wollte Raketen bauen. Nichts trieb ihn mehr um, als dieser absurde Plan, nicht seit Sputnik in den Orbit vordrang, und er begann zeitnah mit der Verwirklichung seiner Idee. Als kleiner Junge in einem Bergarbeiterstädtchen, gegen alle Widerstände, gegen die Trostlosigkeit, trotz der offensichtlichen Aussichtslosigkeit des Unterfangens und ohne den Schimmer einer Ahnung, wie das gehen sollte. Homer Hickam baute Raketen. Und landete schlussendlich als Ingenieur für Luft und Raumfahrtechnik bei der Nasa. Wunderbarerweise hat Homer seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, voll Leichtigkeit und Leben und in den letzten Wochen sind er und seine „Rocket Boys“ mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe wirklich mit ihnen und ihren irrwitzigen Experimenten mitgelitten, bei jedem Erfolg gejubelt, bei jeder Fiesigkeit des Lebens den Atem angehalten, bei jedem Rückschlag entsetzt den Kopf geschüttelt. Vor allem aber staunte ich, was der menschliche Wille  zu leisten vermag, wenn Traum und Einsatzbereitschaft  nur groß genug sind, wenn das Ziel es wert ist, wenn das Herz brennt.

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Das unterscheidet Homer ganz signifikant von Miles. Miles begleitete mich in den Wochen vor Homer in meinen Abendstunden und in den Schlaf hinein und auch mit ihm habe ich sehr gelitten. Miles ist Hauptfigur in Richard Russos großartigem Roman „Diese gottverdammten Träume“ und auch er hat Träume, Pläne, Wünsche. Aber er schafft es einfach nicht, sie Wirklichkeit werden zu lassen, auch ihm gerät das Leben dazwischen, er vertagt auf später, immer und immer wieder, ist fleißig, fromm und grundanständig, er macht nichts falsch und doch nichts richtig. Eine ganze amerikanische Kleinstadt träumt hier vom Aufbruch und verharrt gleichzeitig in gelähmter Schockstarre, immer in Erwartung von großen Veränderungen, die dann doch nicht kommen, weil nun mal nichts geschieht, wenn man nichts tut. Nun sitzt Miles mitsamt seinem ganzen Clan auf der Bettkante des Gatten und treibt ihn Abend für Abend in den Wahnsinn (ich kann ihn stöhnen hören und lachen von Zeit zu Zeit).

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Schon lange haben mich zwei Bücher nicht mehr so tief bewegt, wie diese beiden. Und ich frage mich seither immer wieder, wieviel Miles wohl in meinem Herzen steckt und wieviel Homer? Dank ihnen, denke ich über Träume nach, die großen und die kleinen, über meine eigenen und die der anderen, über Schicksalsergebenheit und Löwenmut.

Träume sind ein Gewinn, denn sie zeigen dir deinen Weg, aber sie werden zur Last, wenn du nicht losläufst. Dann können sie bleischwer wiegen oder Unzufriedenheit wuchern lassen.

Wovon träumst du? Weißt du es noch? Was treibt dich an, was treibt dich um? Vertröstet du dich immer wieder oder gehst du den langen Weg der kleinen Schritte? Haben dich Rückschläge entmutigt? Bist du gekränkt, weil das Leben dir Steine zwischen die Füße warf? Ist man irgendwann zu alt für Träume und neue Wege? Fragen über Fragen, die ich mir alle selber stelle.

Natürlich ist nicht jeder zum Raketenbauer berufen. Oder zum Auswandern, zum Turnweltmeister oder Nobelpreisträger. Schaut man sich erfolgreiche Träumer an, dann kann einem schon Angst und Bange werden. Und vielleicht packst du die eigenen Träumchen lieber verschämt zurück in die Schublade. Das wäre sehr schade. Denn es geht natürlich auch ein paar Nummern kleiner. Nichts ist persönlicher, intimer und einzigartiger, als deine ureigenen Lebensträume, ganz egal, wie groß oder klein sie ausfallen mögen. Wenn du reisen willst, dann reise. Wenn du etwas erforschen willst, dann forsche, wenn du singen willst singe und wenn du gerne Purzelbäume schlägst, dann nur zu. Trau dich! Tu es für dich! Du kannst natürlich darauf warten, dass irgendein ein smarter Showmaster vorbeikommt und laut Überraschung brüllt. Darauf, dass sich alles von alleine fügt. Aber die Chancen stehen nicht allzu gut und du vertust viel Zeit mit Warten. Oder du legst einfach los. Lass dich nicht entmutigen, probiere dich aus, gestalte dein Leben und lasse Träume Wirklichkeit werden. Natürlich braucht es Mut und Geduld, Ausdauer und Einsatz. Kein Mensch traute Homer den Bau von Raketen zu und auch kein Ingenieursstudium. Geschafft hat er es trotzdem. Ich glaube, ich träume davon, ein bisschen mehr Homer und weniger Miles zu sein. Hier zu sitzen und zu schreiben ist schon mal ein nächster Schritt (ich könnte jetzt auch Socken sortieren, oder Schränke auswaschen. Fenster putzen oder etwas Staubwischen- und es wäre aller Wahrscheinlichkeit nach sehr viel vernünftiger, zumindest aber nötiger…)

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Wieviel Miles steckt in dir und wieviel Homer?

Homer Hickam wollte Raketen bauen. Und er baute sie.

 

Grün und blau und bunt

Am Abend des Gründonnerstages besuchte ich den Gottesdienst. Oben saß ich, auf der Empore, denn ich durfte ein wenig singen, zusammen mit einigen anderen Frauen. Ich sitze nicht gerne auf der Empore, denn sie schafft eine eigentümliche Distanz zum Gottesdienstgeschehen und man nimmt unwillkürlich eine Art Beobachterrolle ein.

Nach dem Gloria wurde es still, keine Orgel mehr, draußen Dunkelheit.

Ein zentraler Teil der Feier bestand auch an diesem Abend in der Fußwaschung. Neun Freiwillige hatten sich gefunden- eine ganze Menge, wenn auch nicht die angestrebten zwölf. Der Priester begann die Füße der Beteiligten zu waschen und umgehend wurde eine Veränderung der Atmosphäre spürbar- angefangen in meinem eigenen Befinden. Leise Unruhe in den Bänken, Köpfe drehten sich, hier und da Getuschel. Das Ganze ist immer irgendwie unangenehm, seltsam anzusehen, als würde etwas Unanständiges vor sich gehen, ein bisschen peinlich, mal ehrlich, oder?

An diesem Abend dachte ich plötzlich darüber  nach, was mich selbst eigentlich so unangenehm an diesem Teil der Gründonnerstagsliturgie berührte. Würde ich denn nicht die Füße der unten Anwesenden waschen wollen? Wäre ich mir zu fein, fände ich es eklig oder wäre es mir widerlich? Nein! Ich hörte tief in mich rein- aber nein. Ganz ehrlich, nicht die Spur. Jeder Zeit würde ich mich mit einem Waschzuber und einem Handtuch hinknien, um ein paar Füße zu waschen. Daran konnte es also nicht liegen. Hmm. Fand ich es schlimm, dass die Freiwilligen da unten sich die Füße waschen ließen? Eigentlich auch nicht- ich bewunderte eher ihren Mut. Würde ich mich aber selber aufs Stühlchen setzen, Schuh und Socke ausziehen, um mir die Füße waschen zu lassen? Nein! Auf gar keinen Fall! Ha!Da lag also der Hund begraben. Schon beim bloßen Gedanken daran gruselte es mir den Rücken hinunter.  Der, der die Füße wäscht, macht sich zwar körperlich klein, er bückt sich und kniet, er ist aber der Macher, der aktive Teil des Geschehens, der Handelnde. Der andere ist der Teil, der etwas geschehen lassen muss, der die Sache nicht im Griff hat, passiv und zumindest am Fuß entblößt. Und das ist kaum auszuhalten.

Da saß ich dort oben auf der Empore, müde war ich und erschöpft, von den letzten, schier endlosen Wochen, von den vielen Krankheitstagen, den Sorgen um die Kinder, von traurigen Nachrichten und der Wintertrübnis. „Ach“, dachte ich, „ach, das ist das Problem, immer und immer wieder.“ Wir wollen die Macher sein, die, die immer alles im Griff haben, die handelnden Aktiven. Oh, ich kenne jede Menge Leute, einschließlich mir selber, die sich selbst als gestresst bezeichnen würden. „Viel los gerade, unglaublich, immer zu viel Arbeit, man weiß ja gar nicht wo einem der Kopf steht…“ „Na, wem sagst du das, was glaubst du, was hier los ist- ich komme zu nichts, schon gar nicht zu mir selber!“ Wir tragen unseren Fleiß, unsere Tüchtigkeit und unseren Stress wie eine Standarte vor uns her- wehe dem, der keine hat, ist ja direkt verdächtig. Noch nie habe ich aber jemanden sagen hören:“ Ganz ehrlich, ich schaffe es nicht. Gerade gelingt nichts mehr, es ist zu viel, ich kann es nicht leisten. Ich brauche Hilfe!“. Sagt kaum ein Mensch, ich auch nicht. Stattdessen halte ich sehr viel von Disziplin, viel vom Zusammenreißen, Zähnezusammenbeißen und „stell dich nicht so an“. Ich bin ja kein Jammerlappen und halte meine Fäden schön selbst in der Hand, getreu dem Motto: meine Füße wasch ich mir schön selber. Und die von 23 anderen gerne auch. Ich habe nämlich immer alles im Griff. Jederzeit.

Gründonnerstag, ob mit oder ohne  Fußwascherei, offenbart die Aussicht auf ein gigantisches Hilfsangebot- die Frage ist, ob du es annehmen wirst.

Zwei Tage später saß ich wieder dort oben auf der Empore zur Feier der Osternacht. Uralte Gesänge, Zeichen und Worte verkündeten das Ostergeheimnis. Warm leuchtete das Meer der Kerzenflammen in der Dunkelheit. Wenn du Ostern feiern willst, dann musst du dir Gründonnerstag gefallen lassen. Dann musst du deine Bedürftigkeit und Schwäche, dein Menschsein und dein Zerbrochensein eingestehen. Und dann das Geschenk annehmen.

Frohe Ostern also, von ganzem Herzen! Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort. Der Winter erstaunlicherweise auch nicht, obwohl ich dieses Jahr die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte. Der Himmel ist blau, zumindest stundenweise, es blüht und grünt und zwitschert, dass es ein wahre Freude ist, als wollte alles Leben da draußen uns zurufen: es ist Ostern geworden, vergiss nicht dich zu freuen und das Geschenk auch anzunehmen! Sieh nur all die Farben, wie bunt die Welt gemalt ist! Genug der Tüchtigkeit und des Eifers, für einen kurzen Moment, wenigstens. Wer zu viel die Zähne zusammen beißt, kann gar nicht mehr lächeln… geh hin und freu dich, geh schaukeln und feiere das Leben!

 

 

Frau Amsel und der Dschungel

,Frau Amsel ist schwer beschäftigt. Sie baut ein Nest im großen Zaungebuschels direkt vor unserem Esszimmerfenster. Ach, es ist eine Freude ihr zuzuschauen. Wir hängen am Fenster und beobachten, wie sie aufgeregt flattert und sucht, um schließlich vollbepackt mit Moos und Zweiglein wieder im Busch zu verschwinden. Schwups, zwei Minuten später kehrt sie zurück, auf der Jagd nach neuem Baumaterial, unermüdlich und geschäftig.P1060096

„Ach“, denke ich, „liebe Frau Amsel, ich weiß noch genau wie es war ein Nest zu bauen für unser erstes Küken. Was bin ich umhergerannt, damit nur alles bereit ist, wenn er schlüpft. Was habe ich mir für Gedanken gemacht, was das  noch Ungeborene wohl alles brauchen würde, bei seinem Start in die Welt (Gott sei Dank war das Internet noch nicht so verbreitet mit all seinen Ratgeberseiten, Mama- wir wissen Bescheid-Blogs und Einkaufsmöglichkeiten- ich wäre ja irre geworden, garantiert!) Natürlich braucht es eigentlich gar nichts, außer Liebe, Futter und ein warmes Plätzchen. Du machst das schon sehr richtig und bei aller Aufregung, weißt du instinktiv genau, was du zu tun hast. Bewundernswert. Denn kaum war unser Erstgeborenes geschlüpft, ging es ja schon wieder weiter mit dem Gedanken und Sorgen machen. Welche Nahrung, wann, wieviel, wieviel Frischluft, wo soll es schlafen, wieviel von was ist das Richtige? Schreit es zu viel, schreit es zu wenig, wann muss man laufen, sprechen, essen können? Die Mama von heute würde der Mama von damals gerne zurufen: Mach dich mal locker! Alles halb so wild! Futter, Wärme, Liebe. Hab teil an seinem Leben und lass es an deinem teilhaben. Mehr braucht es nicht.

Heute habe ich ein ganzes Nest voll Kinder und wünsche mir manchmal die Sorgen von damals zurück. Heute reichen Futter, Liebe, Wärme und Teilhabe leider nicht mehr (obwohl ich immer noch glaube, dass dies die besten Antworten auf fast alle Lebenslagen sind). Unser Nest steht im Dschungel aus Erziehungsfragen und Anschauungen, aus Eigenheiten und Eigenschaften, aus hunderten und tausenden kleinen und großen Entscheidungen, die täglich gefällt werden sollen. Wie wollen wir leben, was ist uns wichtig, was ist nicht verhandelbar, welche Werte haben wir, worauf bauen wir und wo haben wir uns gründlich geirrt? Und kaum hast du dir mühselig eine Meinung gebildet, einen Entschluss gefasst und dich festgelegt, da kommt das Leben und lacht dich aus. Du bist zum Beispiel zu dem Entschluss gekommen, dass Kinder vor ihrem 14. Lebensjahr kein Smartphone brauchen, ein sehr teurer Gegenstand, der die Welt eines Kindes auf einen Schlag ins Unendliche hinein vergrößert, der Gefahren birgt und Risiken, du weißt Bescheid, denn du hast dich informiert. Aber wenn dein Kind das Einzige in der Klasse „ohne“ ist, in einer Zeit, wo Verabredungen und Austausch nur noch über diese doofen Dinger läuft, wenn du merkst, du könntest dein Kind genauso gut ohne Hose in die Schule schicken, tja dann kannst du entweder weiter recht haben und deinem Kind beim Einsam sein zu schauen oder du fällst eine neue Entscheidung.

Computerspiele, wenn ja welche, wie lange, welche Schule an welchem Ort, welche Filme, wenn  ja- wer alles, ab welchem Alter, wie lange, Hobbies haben und wann wieder aufgeben, einen Kurs wieder verlassen, obwohl wir gerade den Vertrag unterschrieben haben, Taschengeld, warum, wieviel und wozu, Gemüse essen, Tischmanieren, Spülmaschine ausräumen, wieviel Streit und welche Schimpfwörter, wieviel Ordnung braucht ein Kinderzimmer, wieviel Ordnung erträgt ein Kinderzimmer, wieviel Unordnung vertragen meine Nerven, wann lernen, wieviel lernen, wieviel Unterstützung beim lernen….keine Sorge, ich könnte die Liste ewig fortsetzen. Es ist ein Dschungel des Alltags und mühselig schlage ich mir meinen Weg hindurch.

Und immer lese ich von Erziehungskonzepten mit wohlklingenden Namen, durchbuchstabiert bis ins kleinste Detail und ich winke innerlich müde lächelnd ab. Jedes Kind ist einzig und anders, jede Situation ist einzig und anders und allein von moralischer Überlegenheit und absolut gesetzten Prinzipien ist noch keiner glücklich geworden. Neulich las ich von einem namhaften Erziehungsexperten, man möge die Kindern nicht loben, da sie kein Lob bräuchten sondern wahrgenommen werden wollten. Ganz ehrlich- ich habe schallend gelacht. Liebe Leute, das Leben ist doch schon irre genug. Ich fange doch jetzt nicht auch noch an, jedes Wort  zu meinen Kindern auf die pädagogische Goldwaage zu legen. Das ist eine Familie und keine Gruppensitzung. Wenn wir damit anfangen, dann wird das Dschungeldickicht undurchdringlich.

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Liebe Frau Amsel, bald wird dein Nest fertig sein und ich wünsche dir frohes Brüten. Und wenn die Brut dann da ist, dann wird unser Garten dein Dschungel sein. Du wirst Futter suchen und die Katze vertreiben, wild flattern, wenn Gefahr droht und sie vor dem Sturmwind behüten. Wenn es Zeit wird, dann wirst du sie fliegen lehren, solange bis es auch der letzte begriffen hat. Bei allem wirst du wissen, was du zu tun hast, weil du auf dein Vogelherz hörst und deinen Vogelbauch. Da hat dein Schöpfer schon alles hineingelegt, was es braucht, um eine Vogelmutter zu sein.

Ich winke dir zu und beschließe es weiterhin genauso zu halten. Ich werde lieben, loben, schimpfen und streiten mit ganzem Herzen. Werde mit dem Gatten und unserer Brut jeden Tag einen Weg durch den Dschungel suchen und zwar gemeinsam. Ich werde auf mein Menschenherz und auf meinen Menschenbauch hören. Da hat der Schöpfer alles hineingelegt, was es braucht, um eine Mama zu sein.

Sendepause

Frei nach der Bibel: es gibt eine Zeit für lange, unterhaltsame Blogbeiträge und es gibt eine Zeit für Fieberthermometer, den Austausch von Spukschüsseln und Bettlaken, zum Trösten und Pflegen. Diese Zeit ist jetzt. Seit Wochen sind wir in wechselnder Zusammensetzung krank, aus spuckenden Kindern wurden nahtlos hochfiebernde Kinder. Du hättest und sehen sollen, wie wir letzte Woche  alle zusammen um Kotzschüsseln und Fenchelteetassen gruppierten, völlig aus Raum und Zeit gefallen. Jetzt also wieder Fieber. Gestern Abend tröstete ich den verzweifelten, fieberheißen Zweitklässler, den es nicht nur in der Dauerschleife besonders hart trifft, sondern der Freunde und Schule vermisst. Ich erzählte ihm vom Frühling, von blauem Himmel und warmen Sonnenschein, vom Fußballkicken, Draußenspielen und Spielverabredungen. Nur noch ein bisschen Geduld, nur noch ein wenig länger tapfer sein. Es gibt eine Zeit, um „Frederik“ für deine Kinder zu sein, wenn der Winter zu lange wird. Mehr geht nicht.

Bis die Tage, dir eine gute Zeit und einen Sonnenstrahl von Zeit zu Zeit!

Alte Grenzen und neue Wege

„Ich habe uns einen Tisch in einem afrikanischen Restaurant reserviert!“.

“ Ich habe uns zu einem Frühstück für Ehepaare zum Thema „Streiten“ angemeldet. In einer Freikirche!“.

Der Gatte und ich haben uns letzte Woche gegenseitig überrascht. Und waren nur einen kurzen Moment sprachlos, dann siegte die Neugier. Wir waren gespannt auf  gleich zwei Events an einem Wochenende, die wir uns da unerwarteterweise gegenseitig verschafft hatten. Nicht, dass wir nicht abenteuerlustig wären. Wir müssen abenteuerlustig sein, denn sonst hätten wir keine fünf Kinder. Aber im normalen Alltagssammelsurium mit vollgepackten Tagen und Kinderirrsinn von früh bis spät, geht die Abenteuerlust manchmal im Wäschekorb verloren. Afrikanisch essen ? Echt? Was isst man denn da so? „Gegrillten Zebrahintern“, feixte mein Sohn. Also wirklich! Aber ich hatte tatsächlich keine Ahnung von afrikanischem Essen, nicht mal die leiseste Vorstellung. Und ich war auch noch nie zu Besuch in einer freikirchlichen Gemeinde. Der Gatte auch nicht.Wobei ich davon schon viele Vorstellungen hatte. Manche waren ein bisschen gruselig, aber keine basierte auf eigenen, echten Erfahrungen.  In einem 7 Personen Haushalt kann es nicht schaden, ein paar Grundprinzipien zum Thema „Streiten“ wieder aufzufrischen und für Kinderbetreuung war da auch gesorgt. Also los.

Am Samstagmorgen zogen wir los und wurden nett empfangen. Sehr freundliche Menschen, sahen alle ganz normal aus, keiner hüpfte wild umher oder machte verrückte Sachen. Stattdessen war das Frühstück liebevoll vorbereitet, der Vortrag war ansprechend und brachte die ein oder andere neue Erkenntnis, die Kinder hatten einen tollen Vormittag mit schönem Programm. Zufrieden kehrten wir von unserem Ausflug ins Unbekannte nach Hause zurück und brachten den Flyer für die Sommerfreizeit mit. Meine Großen wollen da gerne hinfahren.

Am Abend machten der Gatte und ich uns dann auf gen Afrika. Von Eheabenden hat der Mensch ja schon viel gehört, von ihrer Wichtigkeit und Notwendigkeit in der Beziehungspflege und für den eigenen Erholungsfaktor. Aber auch sie verschwanden in den letzten Jahren häufig im Wäschekorb, oder zwischen Windeln und Mathebüchern, Terminen und Kinderkrankheiten, zwischen lauter „wir müssten und wir wollten doch“. Weil nicht stattfindet, was man nicht plant. Also schenkte ich dem Gatten zum Geburtstag fünf Abende. Jeden Monat einen und hatte die Babysitterin auch direkt für alle fünf Monate im voraus gebucht. Es hat geklappt. Und weil uns das sehr viel Freude gemacht hat, machen wir einfach so weiter, ganz ohne Geburtstag. Jeden Monat ein Abend für uns. Termine stehen bis zum Sommer im Kalender und die Babysitterin weiß Bescheid.

Diesmal also Afrika. Wir betraten das kleine, völlig überfüllte Restaurant und wurden freudestrahlend begrüßt. Überraschenderweise arbeitet da eine Bekannte des Gatten, der Laden gehört ihrer Tante und unser kulinarischer Mut wurde belohnt. Sie freute sich nicht nur uns zu sehen, sie bewirtete uns auch nach allen Regeln der Kunst. Wir futterten uns durch Vorspeise, Hauptgang und Dessert, füllten unsere Bäuche mit den verschiedensten, würzigen Speisen und waren hinterher kugelrund und schwer begeistert. Ein ganz neues Geschmackserlebnis, nicht alles sagte mir zu, aber das Meiste und ich habe definitiv nicht zum letzten Mal afrikanisch gegessen. Oder Mangobier getrunken. Ganz beseelt rollten wir nach Hause. Wirklich erstaunlich, was ein einziges Wochenende zur eigenen Horizonterweiterung beitragen kann, wenn man sich nur auf den Weg macht. Und genau da liegt der springende Punkt. Du musst dich auf den Weg machen. Und sei es im Kleinen. Natürlich können wir in unserer Lebenssituation weder große Reisen unternehmen noch fremde Kulturen erforschen. Aber die Möglichkeiten direkt vor der Haustüre sind zahlreich, wir müssen nur rausgehen.

Ich bin gerne katholisch, nicht unkritisch, wahrlich nicht, aber sehr bewusst. Und natürlich, wie fast alle Christen, die ich kenne,  bin ich eine große Freundin der Ökumene. Aber häufig habe ich den Eindruck, dass Ökumene bedeutet, die anderen herzlich willkommen zu heißen, wenn sie sich unseren Stiefel anziehen. Selten wird Ökumene so begriffen, dass man sich selbst auf den Weg zu macht, sich einen eigenen Eindruck verschafft und das ein oder andere auch als Bereicherung mitnimmt, ohne den anderen ändern zu wollen. So lange wir versteckt hinter unseren eigenen Grenzen bleiben und abwarten, werden wir einander nicht kennenlernen, sondern nur unsere kruden Vorstellungen voneinander pflegen. Dann bleibt alles Gerede nur hohle Phrase.

Nach diesem Wochenende bin ich wild entschlossen, dass Pflänzchen Abenteuerlust wieder etwas mehr wuchern zu lassen, mal eine neue Abzweigung zu nehmen, anstatt immer die selbe ausgebaute Straße. Ich will neugierig bleiben, auf neue Geschmäcker, Worte, Menschen, auf andere Arten, das Leben und den Glauben zu gestalten, auf Farben und Gerüche und ja, auch auf meine eigene Ehe. Stell dir nur vor, um wie viele Farben das Leben vielfältiger und damit bunter wird, um wie viele gute Begegnungen gestärkt, um wie viele Geschmäcker reicher und intensiver? Stell dir nur vor!

 

Ein guter Ort

Kinderköpfe neigen sich eifrig über Leinwände und Papier, es wird gemalt, gezeichnet, Farben gemischt und geklebt, was das Zeug hält. Rund um den langen Ateliertisch sitzen sie, überall Palletten mit Farbklecksen, Farbtuben und Flaschen. Kunstwerke stapeln sich auf Kommoden und schmücken die Wände. In einer Ecke arbeiten zwei Mädchen mit Ton, ein Junge steht an einer großen Staffelei. Es ist ein friedliches Bild, das sich mir durch die Scheibe bietet, und ich weiß, dass wenn ich gleich mein Plätzchen in diesem wunderschön verwunschenen Hof des alten Fachwerkhauses verlasse, (weil es nun doch zu kalt wird, um länger von draußen hinein zu lugen) dann wird der Raum drinnen erfüllt sein mit leisem Stimmengemurmel, dem Duft von Farbe und der Heißklebepistole. Leise gehe ich hinein, fünf Minuten zu früh bin ich dran, und suche mir ein Eckchen, wo ich nicht störe und das muntere, bunte Treiben noch ein bisschen auf mich wirken lassen kann. Und während ich da so stehe, denke ich plötzlich, dass dies ein wahrhaft guter Ort ist. Es sind vielleicht zehn Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren, die hier ihrer Kreativität freien Lauf lassen und sich an unterschiedlichsten Projekten und Maltechniken versuchen. Seit einigen Jahren kommen meine Kinder nun schon jede Woche hierher zum Malen und noch nie habe ich erlebt, dass in diesem Sammelsurium an unterschiedlichen Altersklassen, Geschlechtern und Charakteren das Chaos ausgebrochen wäre. Noch nie war es zu laut, wurde gepiesackt, verglichen oder gestritten. Stattdessen wurden mir schon die tollsten Kunstwerke ins Haus getragen, Bilder und Töpfereien, Linoldrucke und Skulpturen. Wie genau das funktioniert, weiss ich nicht, aber der Chefin des ganzen gelingt dieses Kunststück.

Ein wahrhaft guter Ort, wo Menschen gemeinsam arbeiten, und doch jeder für sich, in seinem eigenen Tempo werkeln darf, wo schöne Dinge wachsen und entstehen, es aber nicht um Leistungsschau und erste Plätze geht. Ich packe meine Kinder ein, deren Hände mit Farbe verschmiert sind und die so gerne hierher kommen und denke, dass es vielmehr solcher guter Orte geben müsste. Für Kinder, aber auch für Erwachsene. Zum Atemholen und Kreativsein, wo man sich ausprobieren kann, ohne bewertet zu werden, wo Neues entsteht, mit viel Liebe und ohne Zeitdruck, nicht verborgen im Kämmerlein, sondern unter Menschen, die einander gelten lassen. Schule müsste so ein Ort sein, aber es liegt nun mal in der Natur von Schule, dass sie Ergebnisse bewerten und vergleichen muss, dass Lerninhalte irgendwann gelernt sein müssen und das auch Kinder wahrlich nicht immer freundlich miteinander umgehen.

Im günstigsten Fall ist Familie so ein Ort, wo ich sein kann, wie ich bin, angenommen und geliebt, unabhängig von Leistung und Ergebnissen. Wo ich das Leben im Kleinen ausprobieren und Neues lernen darf. Nur das mit der friedlichen Stille haut natürlich nicht immer hin. Heute Morgen hatte ich eine lautstarke Auseinandersetzung um sieben Uhr in der Frühe um ein paar Hausschuhe. Mit einer Vierjährigen. Da war unser Hausflur kein guter Ort sondern ein Krisenschauplatz, an dem mit Worten scharf geschossen wurde. Der Friedensvertrag konnte erst auf dem neutralen Boden des Kindergartens geschlossen werden.

Ich wünsche mir immer, dass Kirche so ein Ort wäre. Ein Ort, an dem persönliche Befindlichkeiten und Eitelkeiten keine Rolle spielen, wo jeder dabei sein darf, egal, wie alt, egal, wie wichtig und wo wir gemeinsam unterwegs sind und jeder seinen Platz findet. Hin und wieder gelingt es.

Vielleicht gibt es die wahrhaft guten Orte hier auf Erden nur in zeitlicher Begrenzung. Wären die zehn Kinder eine Woche jeden Tag am Malen, gäbe es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Konflikte und Radau, dass es nur so kracht. Denn wo Menschen zusammen unterwegs sind, da menschelt es eben auch, da gehören das Vergleichen und Streiten, Eifersucht und Konflikte einfach dazu.

Draußen ist es bangig kalt, auf dem Herd kocht seit zwei Stunden eine Hühnersuppe. Wenn meine Kinder heute Mittag langsam hier eintrudeln, mit vor Kälte geröteten Backen und voll mit den Erlebnissen des Vormittages, dann wird unser Esstisch ein wahrhaft guter Ort sein. Für eine Weile wenigstens. Und wir werden auftanken und aneinander Anteil nehmen, Trost spenden, wenn etwas schief gelaufen sein sollte und uns unsere Geschichten erzählen. Auf dem Bild unserer Familie werden wieder ein paar Farbnuancen mehr erkennbar sein.

Ein wahrhaft guter Ort kann immer wieder neu entstehen, so lange wir einander nicht aus den Augen verlieren, er ist Oase im Alltag und Tankstelle im Trubel des Lebens. Er lässt Neues wachsen und entstehen, dass uns bereichert und unsere Herzen bunter macht. Nur begrenzt natürlich, aber immer wieder möglich. Jeden Tag, jede Stunde aufs Neue. Je mehr solcher Orte wir schaffen, für uns und für unsere Kinder, desto besser sind wir gerüstet, wenn uns das Leben um die Ohren fliegt und ein eisiger Ostwind weht.

Ich wünsche dir heute einen Teller warme Suppe, oder was immer dich sonst so wärmt, ein paar wahrhaft gute Orte, die es dir Innendrin schön wohlig machen und eine wirklich gute Woche!

Kontrollverlust für Anfänger

Die Sache läuft! Pünktlich nach Ablauf der ersten Fastenwoche kann ich voller Stolz verkünden: ich faste, was das Zeug hält! Letzte Woche formulierte ich nicht nur für mich mein persönliches Fastenziel (getippt ist ja Vieles sehr schnell….und nicht nur Papier ist geduldig), nein, ich grübelte auch insgeheim darüber nach, wie ich das denn nun anstellen wolle, das Loslassen und Lockerwerden, das Entspannen und weniger Heißlaufen. Dafür gibt es ja keine Betriebsanleitung oder genaue Vorgaben. Ich kann auch nicht einfach irgendetwas weglassen, wie Zucker, Fernsehen oder Internet, was immerhin eine klare Vorgabe wäre, so schwer es dann auch fallen mag.

Ich hätte mir das Grübeln sparen können. Am Freitag fühlte ich mich schon nicht wohl, am Samstagmorgen ereilte mich der knockout. Mit schmerzenden Gliedern verzog ich mich unwillig auf die Couch und konnte direkt mit der Fasterei beginnen. Auf der „Dinge, die auf jeden Fall erledigt werden müssen“-Liste standen ungefähr 53,5 Dringlichkeiten. Seufzend verabschiedete ich innerlich die Liste. Und blieb zwei Tage, wo ich war. Man brachte mir heißen Tee, erneuerte die Wärmflasche in regelmäßigen Abständen, deckte mich mit Kuscheldecken zu, als müsste ich am Nordpol campieren und versüßte mir das Leben mit Selbstgemaltem. Ich übte mich darin, die Klappe zu halten und nicht all zu viele Anweisungen  in Richtung Gatten zu schicken. Der Gatte studierte den Essensplan (ausgerechnet in dieser Woche hatte ich es für eine ausgesprochen gute Idee gehalten, mal etwas Abwechslung in unseren Speiseplan zu bringen), dann machte er sich zu einer Supermarktexpedition auf. Mir schwante Böses, aber ich fastete tapfer weiter.P1060022

Meine Zwillinge fasten ja nicht und boten direkt Einkaufshilfe an. Auch sie waren besorgt, weil der Papa sich da ja nicht auskennt. Mit drei Kindern als Unterstützung zog er ab und kam mit allem wieder, was wir brauchten. Zwischendurch hatten sie noch das Auto gewaschen. Das Fasten fiel mir schon ein bisschen leichter. Der Gatte fuhr unseren Großen zu seiner Kinoverabredung und begann dann in der Küche zu werkeln. Das Fasten fiel mir schon wieder ein bisschen schwerer. Anfangs lauschte ich noch angestrengt in Richtung Küche, dann dachte ich: was soll`s. Verhungern wird hier keiner. Anstatt mich weiter zu grämen, lag ich ganz still und hörte mit meinem Zweitklässler die Übertragung des Bayernspiels. Ich habe mir noch nie ein ganzes Fußballspiel angehört, warum auch?

Aber mein Junge saß da und litt und freute sich, angespannt, wie ein Flitzebogen. Vor sich auf dem Sofa hatte er das Aldi-Bundesligaalbum, um alle Spieler nachzuschlagen. Ich beobachtete ihn, und war froh, diesen Moment mit ihm teilen zu dürfen. Ganz ehrlich: auf die Idee wäre ich sonst nie gekommen. So hatten wir beide etwas vom Fasten. Zum Abendessen gab es Quiche Lorraine mit Salat nach Miris Rezept und sie ist dem Gatten ganz wunderbar gelungen. Ich wurde immer besser im Fasten und am Sonntag war ich fast schon entspannt (abgesehen von den schmerzenden Gliedern natürlich). Der Gatte übte Diktat und buk Schafskäseschiffchen, die wirklich ganz unglaublich lecker waren. Ich ging um 19.30 Uhr ins Bett und war sehr zufrieden mit mir. Und sehr dankbar für den Gatten.

Am Montag durfte ich mich vom vielen Fasten ein wenig erholen. Am Dienstag ging es in die nächste Runde. Früh am Morgen fuhren wir mit unserem großen Mädchen in die Stadt. Während der Gatte uns durch den Berufsverkehr manövrierte und sie aufgeregt auf der Rückbank saß, wurde mir das Herz schwer. Vor meinem Auge hatte ich plötzlich das Bild des winzigen Säuglings, den ich damals aus der Klinik tragen durfte. Mit kleinen, schwarzen Püschelchen auf den Ohren und zerknautschter Nase. Und nun fahren wir zur Schulanmeldung in die große Stadt. In wenigen Monaten wird sie die Strecke alleine mit dem Zug bewältigen müssen, Menschen kennenlernen, die ich nicht kenne, durch die Stadt laufen und sich Herausforderungen stellen müssen, ohne dass ihre Mama nur fünf Minuten entfernt ist. Sie wird das ganz großartig machen und ich weiß das. Aber das Loslassen fällt schwer. Wenn das mal keine Fastenübung ist. Das alte Schulgebäude aus rotem Sandstein ist ehrfurchtgebietend, schon Zuckmayer ging als Junge über die ausgetreten Steinstufen. Das Aufnahmegespräch meisterte unser Mädchen souverän. Ihre wunderbare Gesprächspartnerin hieß sie aufs herzlichste Willkommen. Auf dem Flur trafen wir einen Klassenkameraden von ihr. Sie muss hier gar nicht alleine anfangen, sie wird ein vertrautes Gesicht in der Klasse haben. Und ihr großer Bruder ist schließlich auch noch da. Lass los, Mama, und sorge dich nicht!

Weil mein Mädchen das so locker geschafft hat und ich gerade so unglaublich tapfer am Fasten bin, gingen wir  hinterher erstmal frühstücken. Und dann in die Buchhandlung. Wo wir schon mal in der Stadt waren. Und ich jetzt dringend eine Belohnung brauchte. Im Rausgehen fiel sie mir ins Auge: eine winzige Schneekugel. Ein kleiner Engel steht darin. „Sei behütet“ kann man auf ihrem Fuß lesen. Und weil ich weiß, dass diese Winzigkeiten exakt und haargenau die Liebessprache meiner Tochter treffen, kaufte ich sie ihr. Freute mich an ihrer Freude und an der Gewissheit: sie wird behütet sein. Ich darf loslassen und lockerlassen, und ein ganz klein wenig die Kontrolle verlieren. Ist ja erstmal für Anfänger. Und die erste Woche.

Putzplan

Oh, da sind ja wirklich schon einige Tage seit meinem letzten Eintrag hier ins Land gezogen. Aber wenn du quasi unmittelbar vor den Toren von Mainz lebst, dann bist du nahezu ununterbrochen damit beschäftigt, Kindergesichter bunt anzumalen und wieder abzuschminken, Drachenköpfe, Katzenschwänze und Wikingerhelme zu suchen, Verpflegung für alle Feierlichkeiten bereitzustellen, Luftschlangen aufzuklauben und dabei ausdauernd „Helau!“ zu rufen. Mit dem gestrigen Rosenmontagszug ist nun der Höhepunkt des närrischen Ausnahmezustandes vorübergezogen, Unmengen an Kreppel sind verzehrt, die Beine schmerzen vom Hüpfen, die Arme vom Winken und nur die fünf Riesentaschen an Schokolade und Bonbons müssen noch fastenzeittauglich im hauseigenen Hochsicherheitstrakt (Keller, hinten links) verwahrt werden. Hat man die Kinder morgen wieder erfolgreich aus dem Haus gescheucht, darf man sich an den dringend nötigen Hausputz machen. Alle Verkleidungssachen in Mülltüten stapeln, saugen, saugen, saugen, denn das Zeug staubt entsetzlich, Luftschlangenreste und Chipskrümel zusammenfegen und die letzten Spuren klebriger Kinderhändchen beseitigen. Eine passendere Einstimmung zum Aschermittwoch und zur Fastenzeit kann es ja gar nicht geben.


Denn Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern ist Hausputz von innen, wie ich nicht müde werde zu erklären. Da kann es schließlich nicht schaden, auch das äußere Drumherum ein bisschen auf Vordermann zu bringen. Aber die eigentliche Festvorbereitung besteht darin, die Schmuddelecken deiner Seele ein wenig auszumisten und in Ordnung zu bringen, damit du mit leichtem Herzen und frohen Mutes Ostern entgegensehen kannst. Für einen kurzen Moment dachte ich, dass ich ja fein raus bin in diesem Jahr. Denn meine übliche Schmuddelecke, der ich jedes Jahr in der Fastenzeit entgegentrete, ist in diesem Jahr ganz hübsch ordentlich. Ein paar kleine Rumsteherchen vielleicht, aber die habe ich schnell beiseite geräumt, nichts was wirklich Arbeit wäre. Nein- Essen und Trinken sind nicht das Problem, hurra! Natürlich könnte ich dieses aufgeräumte Eckchen jetzt noch auf Hochglanz polieren. Ich könnte verzichten und fasten, was das Zeug hält, erstaunlich was da alles möglich ist und ich bewundere all die Verzichter und Danielfaster wirklich sehr. Aber, wenn man sich gerade ein einigermaßen vernünftiges Essverhalten angewöhnt hat, dann sollte man es auch dabei belassen. Alles andere wäre wohl nicht im Sinne des Erfinders. Und schlussendlich bin ich hungrig leicht reizbar, keine gute Zuhörerin und auch kein sehr netter Mensch, beides unabdingbare Voraussetzungen für ein einigermaßen harmonisches Familienleben. Nein, nein, dieses Eckchen darf so bleiben wie es ist.

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Kaum drehe ich mich aber bei meinem Rundgang wieder um und laufe drei Schrittchen weiter, stolpere ich natürlich über all die anderen Chaosecken und Rumpelhaufen, die mir das Herz zumüllen und dringend einer ordnenden Hand bedürfen.

In den letzten Tagen und Wochen falle ich ständig über den selben Berg, als wolle er mir zurufen: “Fang hier an, um mich kommst du sowieso nicht herum!“ Da stapelt sich ein großer Haufen Anspannung bunt durcheinander mit einigen Lagen Verspannung, jede Menge Kontrollzwang und einem ganzen Berg von Perfektionsansprüchen. Neulich ruhte der Gatte am Nachmittag (und er ist wirklich nicht nur einer der fleißigsten Menschen, die ich überhaupt kenne, nein er hatte auch an diesem freien Tag schon drei Bücherregale befestigt!) und seine Frau stand entgeistert vor ihm: „Am hellichten Tag?! Bist du krank oder nur verrückt geworden?!“ Er war nett, er wies mich nicht daraufhin, dass ich wohl diejenige sei, die langsam verrückt wird. Ich habe es selber gemerkt. Ich erlaube nicht nur mir keine Auszeiten und Pausen, ich nerve mittlerweile auch meine arme Familie. Es ist nichts weiter, als eine besondere Form der Eitelkeit, wenn du dich für so unersetzlich hältst, dass noch nicht mal kleine Oasen mit unverplanter und ungenutzter Zeit gestattet sind. Es ist anmaßend, immer alles im Griff haben zu wollen, immer leistungsbereit, alle Lebensbereiche immer im Blick. Außerdem sorgt es für einen schmerzenden Nacken und schlechte Laune. An jenem trüben Nachmittag habe ich mich erst entschuldigt. Und dann zugegeben, dass ich furchtbar müde bin. Dann habe ich, am hellichten Nachmittag!!, zwei alte Folgen „Gilmore Girls“ mit meiner Tochter geschaut. Und der Gatte schaute mit den Buben irgendeine Jungsserie. Alles ohne irgendeinen Mehrwert, noch nicht mal einen pädagogischen. Es war schön.

Und ich dachte, dass ich das in den nächsten Wochen wieder lernen möchte. Ein wenig lockerlassen und mich nicht so wahnsinnig wichtig zu nehmen, in all meiner Verantwortlichkeit. Loslassen und ein bisschen vertrauen, meinen Mitmenschen und meinem Gott. Wenn mir das gelänge, dann ginge ich ein ganzes Stück befreiter in Richtung Ostern. Weiter brauche ich auf meinem Rundgang gar nicht gehen. Die Herausforderung ist groß genug. Und immerhin ist ja auch der Nachtisch weg.


Vielleicht heißt Fastenzeit ja nicht nur Hausputz von innen, als Vorbereitung auf das wichtigste und schönste Fest der Christenheit. Vielleicht heißt es, dass Gott dir schon beim Ausmisten zur Seite stehen will. Wenn du ihn lässt.